tom tofte

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| Freitag, 16. März 2012 (15:04) |
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Der ehemalige Bahnhof Zollenspieker bei Hamburg
Ein aktualisierter und überarbeiteter Beitrag aus dem Gleisplanrätsel
Hamburg ist nun nicht gerade ein Ort an dem man zuerst dächte wenn man an eine Kleinbahn denken würde, zumindest nicht wenn man das heutige Hamburg vor Augen hat. Aber das war natürlich nicht immer so, auch das Hamburger Eisenbahnnetz durchlief seine Entwicklungsphasen. Neben den Industriebahnen die es in der Stadt gab (Ottensener-, Wandsbeker-, Wilhelmsburger Industriebahn um nur einige zu nennen) existierten auch einige Kleinbahnen, wie die "Altona Kaltenkirchener Eisenbahn" (AKN), die "Südstormansche Kleinbahn" und die "Bergedorf Geesthachter Eisenbahn". Während viele ehemalige Strecken stillgelegt wurden ist aus der AKN ja mittlerweile eine der großen Privatbahnen in Norddeutschland geworden. Deren Kleinbahnzeit ist schon lange Geschichte ...
Karten und Stadtpläne kann man im Archiv Hamburger Nahverkehr
finden, zB. dieser Übersichtsplan und oder dieser hier veranschaulichen die Lage der Bahnen um Bergedorf.
Südöstlich der Stadt Hamburg nun liegt ein relativ großes, stark landwirtschaftlich genutztes Gebiet, genannt die "Vier- und Marschlande". Bergedorf und Geesthacht sind die größeren flankierenden Gemeinden hier. Die Eisenbahn kam schon 1842 bis nach Bergedorf, sie wurde durch den Hamburger Brand von 1842 verfrüht "eröffnet" und half bei der Evakuierung der Brandopfer. Das Eg des alten Kopfbahnhofes steht noch heute in Bergedorf und ist wohl eines der ältesten erhalten gebliebenen Bahngebäude in Deutschland! Später wurden die Eisenbahnanlagen in Bergedorf immer weiter an die gestiegenen Verkehrsbedürfnisse angepasst und umfangreich erweitert. So wurde dann schließlich auch 1906/1907 die eigentliche Stammstrecke der privaten Eisenbahnlinien in Raum Bergedorf zwischen Bergedorf und Geesthacht eröffnet, die Bergedorf-Geesthachter Eisenbahn (BGE) war entstanden.
Weiterführende Links:
Schienenverkehr in Hamburg
Wikipedia Hamburg Bergedorfer Eisenbahn von 1842
pdf zum alten Bergedorfer Bahnhof und der Geschichte der Bahn
Alter Kopfbahnhof in Bergedorf
Wikipedia zu den Vier- und Marschlanden
pdf zu den Vier- und Marschlanden
Wikipedia zur Bergedorf Geesthachter Eisenbahn
Google Bildersuche zur BGE
Diese Strecke der BGE zählte wohl zu der profitabelsten und am stärksten genutzten Strecke der Bahn. Sie war zeitweise gar zweigleisig ausgebaut und hatte fast schon Hauptbahncharakter. Sie diente dem Personenverkehr und wurde viel benutzt von den Geesthachtern und wird eigentlich bis heute auch immer wieder (aufgrund der mangelhaften Verkehrsanbindung zwischen Hamburg und Geesthacht) vermisst. Gerade aber in der unseligen Zeit der Jahre 1933 bis 1945 hatten auch die bei Geesthacht gelegenen Munitionsfabriken (ursprünglich von Alfred Nobel betrieben) bei Düneberg und Krümmel großen Anteil am lebhaften Güterverkehr der BGE. Dies ist das weniger erfreuliche Kapitel der BGE. Die Folgen der Munitionsfabrikation sind übrigens bis heute zu spüren, es sind immer noch Gebiete rund um die ehemalige Fabrik dem allgemeinen Zugang verwehrt, weil noch immer Munitionsreste und Giftstoffe im dortigen Boden lagern ...
Weiterführende Links:
Industriemuseum Geesthacht zur Munitionsfabrik (sehr ausführlich!)
Wikipedia zur Fabrik Düneberg
Wikipedia zur Fabrik in Krümmel
Geschichte der Nobel Fabrik
Es gibt die Eisenbahnstrecke nach Geesthacht auch heute immer noch (sie wird seit den fünfziger Jahren von der AKN betrieben), jedoch wird sie leider nur im Güterverkehr genutzt (u.a. auch für das nunmehr mittlerweile stillgelegte AKW Krümmel) und zum alljährlichen Museumsbetrieb mit Dampfzügen der Arge Geesthacht. Über eine Reaktivierung für den Personenverkehr zwischen Bergedorf (Hamburg) und Geesthacht wird immer wieder nachgedacht. Aber wie die Hamburger Politiker und Interessensverbände nun mal leider so sind, passiert da nichts (wie man beim Straßenbahnprojekt vor einiger Zeit ja auch erleben konnte).
Weiterführende Links:
Webseite der Arge Geesthachter Eisenbahn
Ein paar Bilder vom Betrieb
Bilder vom Museumsbetrieb der Arge Geesthacht
Wikipedia zum AKW Krümmel
1912 wurde als nächste Kleinbahnstrecke die Vierländerbahn zwischen Bergedorf und Zollenspieker eröffnet. Hauptsächlich zur Abfuhr von landwirtschaftlichen Erzeugnissen gedacht und für den Ausflugsverkehr der Hamburger ins landschaftlich durchaus reizvolle Umland an der Elbe. Eng verbunden mit der Geschichte dieses Hamburger "Stadtteils" (und der Vierländer Bahn) ist allerdings auch das KZ Neuengamme. Ein eigenes Anschlussgleis führte auf das Gelände des KZ, "Häftlinge" wurden so per Bahn dorthin überstellt, sowie Materialien ab- und zugeführt. Ein Besuch dort ist sehr eindrücklich und kann von mir nur empfohlen werden, auch wenn das kein fröhlicher Ausflug wird.
Zollenspieker hat übrigens selbst auch eine nicht ganz uninteressante Geschichte und war schon immer ein nicht ganz unwichtiger Ort in der Hamburger Geschichte. Seit Jahrhunderten (erste Erwähnung 1252) gibt es hier zum einen einen Elbübergang mittels Fähre, was früher wichtig für die Handelsreisenden war. Auch Tilly, Wallenstein (1627) und Napoleon (1806) nutzten diesen Elbübergang einst für ihre kriegerischen Zwecke. Denn es gab bei Hamburg damals noch keine eigene Elbquerung und die Stadt selbst war zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges stark befestigt. Zum anderen war Zollenspieker bis 1806 eine Zollstation. Daher stammt auch der Name Zollenspieker, was soviel wie "ausspähen" (spieken) nach zu verzollenden Waren bedeutet, was man einst von einem an der Elbe gelegenem Turm aus tat. Später dann wurde der Ort dann auch zu einem Ausflugsort der Hamburger (Stichwort: Zollenspieker Fährhaus).
Weiterführende Links:
Wikipedia zur Vierländer Eisenbahn
Vierländer Eisenbahn & Richters Reiseführer 1914/15
Ansichtskarte vom Bf. Curslack 1916
Wikipedia zu Hamburg Kirchwerder
Wikipedia zu Zollenspieker
Wikipedia zu Zollenspieker Hauptdeich
Wikipedia zur Zollenspieker Fähre
pdf Bergedorfer Chronik zur Zollenspieker Fähre
Wikipedia zur Riepenburg (Zollenspieker)
Chronik der Vier- und Marschlande
Bilder zum alten Zollenspieker Fährhaus
heutiges Luftbild von Zollenspieker
Wikipedia zu den Elbbrücken in Hamburg
Ab 1921 bis 1928 wurde dann in mehreren Etappen die sogenannte Hamburger Marschbahn erbaut, die die Stadt Geesthacht, Zollenspieker und Hamburg-Billwerder miteinander verband. Sie war in der damaligen wirtschaftlichen und politischen Krise auch eine Art Arbeitsbeschäftigungsmaßnahme der Stadt Hamburg. Großen Erfolg hatte diese Marschbahn allerdings nie, die Trassenführung war unglücklich, die Bahnhöfe lagen teilweise weit ab der Ortschaften. Auch die zunehmende Automobilisierung machte der Bahn natürlich zu schaffen. So kam schon kurz nach dem Kriege das Ende der Bahn. zwischen 1950 und 1952 wurden schon die Gleise der Marschbahn schrittweise demontiert, der Personenverkehr auf der nach Geesthacht führenden Strecke lief noch bis 1953, dann war auch dort Schluss. Der Güterverkehr auf der Vierländerbahn von Bergedorf-Süd lief noch bis 1961 bis zur Station Pollhof. Die Strecken gingen sämtlich soweit noch vorhanden und nicht abgebaut an die AKN über, die sie fortan betrieb.
Weiterführende Links:
Wikipedia zur Hamburger Marschbahn
pdf des Bergedorfer Bürgervereins zur Vierländer- und Marschbahn mit Bildern und Streckenkarte (sehr ausführlich!)
Text zur Ausstellung der Marschbahn
Ergänzendes zum Hintergrund der Entstehung der Marschbahn
Gleisplan vom Bahnhof Zollenspieker bei Hamburg
Die Station Zollenspieker war also seit 1912 erst Endbahnhof, dann ab ca. 1921 sowohl End- wie auch Spitzkehrenbahnhof. Die meisten Gleise dienten den Zugkreuzungen, bzw. dem Umfahren der Züge, die ja alle hier Kopf machen mußten. Die Güteranlagen waren vorhanden, deuteten allerdings nicht auf einen allzu großen Güterverkehr hin. Bemerkenswert vielleicht noch die Kopframpe am Ende des Hauptgleises, nahe dem Elbdeich. Bemerkenswert auch das dreiflügelige Einfahrsignal in Zollenspieker. Ursprünglich gab es in Zollenspieker auch einen Lokschuppen, dieser wurde wohl bei der Bahnhoferweiterung für die Hamburger Marschbahn abgerissen, vermute ich. Das ehemals wunderschöne Empfangsgebäude in Zollenspieker ist leider 1972 "platt" gemacht worden, ein richtig schönes niederdeutsches Ziegelfachwerkgebäude, wie eine alte Ansichtskarte beweist:
Ansichtskarte Bf. Zollenspieker
Ansichtskarte Ort Zollenspieker
Noch eine Ansichtskarte vom Ort Zollenspieker
Ansichtskarte Gasthaus Zollenspieker 1910
Ansichtskarte Gasthaus Zollenspieker 1940
Wohl eine eher selten anzutreffende Kombination bzw. Streckenführung für eine Kleinbahn und eine seltene Verkehrssituation für einen doch eigentlich eher kleinen Bahnhof! Die beiden aus dem Bahnhof hinaus führenden Strecken teilten sich im nachfolgenden Bahnhof Zollenspieker Querweg in die zwei Äste der Marschbahn und die Strecke nach Bergedorf-Süd auf. Auch hier gab es zur Absicherung Einfahrsignale. Und dann ab 1953 war plötzlich alles sehr schnell wieder vorbei. Dabei sah der Verkehr laut Fahrplan von 1937 (hier ergänzend der Fahrplan von 1944) noch sehr ordentlich aus, siehe die Fahrplanauszüge unten. Aber das wirkte eben leider nur oberflächlich so ...
Ein ungewöhnlicher Bahnhof also, dessen Gleisanlagen sich (wenn man den Platz dafür hat) durchaus zum Nachbau anbieten. Welch einen Betrieb kann man hier machen auf nur wenigen Gleisen. Da könnten sich die Fahrdienstleiter unter den Modellbahnern aber mal so richtig austoben! Für Züge der Vierländer Bahn war in Zollenspieker die Endstation erreicht, während die Züge der Marschbahn öfter hier "gestürzt" wurden um weiter zu fahren. Wie das im Güterverkehr ablief kann man nur vermuten. Ebenso wie die Lokumläufe auf der Strecke früher mal ausahen. Zu den Gleisanlagen zwischen Tiefstack und Billbrook, die zusammen mit der damaligen Südstormanschen Kleinbahn betrieben und genutzt wurden, findet sich auf den tollen Seiten von H. Meusch zur Südstormanschen Kleinbahn auch noch so einiges an Bildern und Gleisplänen:
Bahnhof Billbrook
Bahnhof Tiefstack
Google Bildersuche zu Billbrook
Das ehemalige Bahnhofsgelände diente seit seiner Zweckentfremdung als Festplatz für größere "Events" - wie man heute so sagt. In Zollenspieker selber ist heute sonst kaum etwas von der Bahn übrig geblieben. Man kann mit dem Rad aber sehr schön die ehemalige Trasse von Bergedorf-Süd aus abfahren und auch die Strecke der Marschbahn ist mit dem Fahrrad nach-erlebbar. Aber Gebäudereste in Zollenspieker finden sich heute kaum mehr. Dafür gibt es aber andere "Reste" der Marschbahn zu finden wie der Beitrag im HiFo von D. Mellerowitz beweist:
Bahnen um Bergedorf, Geesthacht und Zollenspieker 0-60 Jahre danach (Teil 1)
Bahnen um Bergedorf, Geesthacht und Zollenspieker 0-60 Jahre danach (Teil 2-4)
Bilder von den Resten der Bahngebäude in Zollenspieker
Auf alten Topographischen Karten kann man den Streckenverlauf der Kleinbahnstrecken rund um Bergedorf, Geesthacht, Zollenspieker und Tiefstack nachvollziehen (man kann auch in die Karten hineinzoomen):
Ausgangspunkt Tiefstack bzw. Billbrook
Allermöhe und Ochsenwerder
Bergedorf und Zollenspieker
Geesthacht
Das es diesmal so ausführlich auch gerade zur Geschichte geworden ist, ist natürlich auch der Tatsache geschuldet, daß es sich um einen Bahnhof meiner Heimatstadt handelt den ich hier vorstelle. Es sei mir also verziehen, vielleicht ist es ja auch für den einen oder anderen interessant auch mal etwas in die Geschichtsschreibung abseits der Eisenbahn abzudriften. Zumal diese ja auch etwas die Hintergründe erzählen kann, warum gerade hier an diesem Ort ein solcher Bahnhof entstand. Wer noch etwas ergänzen oder berichtigen kann und mag sei wie immer herzlich dazu aufgefordert ...
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Grüße vom ollen "Onkel Tom"
www.lokalbahn-reminiszenzen.de
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