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Kurzgeschichten-Forum >> Kurzgeschichten -- Verschiedene Untergruppen >> Kurzgeschichten Alltag > Der Fremde
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GJM Männlich
Günter J. Matthia
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#1 | Samstag, 15. November 2008 (18:17) | profil | eMail | nMail | homepage | ip | suchen |


Als Gernot Mannsburg sich wieder auf den Weg machen wollte, setzte sich der Fremde neben ihm auf die Parkbank.

»Sie gestatten?«

»Selbstverständlich. Ich wollte gerade aufbrechen.«

Der Fremde schlug das rechte Bein über das linke und musterte Gernot aufmerksam. Seine Mine wirkte nicht unfreundlich, dennoch schien etwas Distanziertes ihm anzuhaften.

»Sind Sie sehr in Eile?«, fragte er.

»Ein wenig schon, ich möchte nach Hause fahren.«

Gernot sah auf seine Armbanduhr. 17:30 Uhr, normalerweise parkte er ungefähr um diese Zeit in seiner Straße, um dann die zwei Stockwerke zur Wohnung emporzusteigen, die Aktentasche abzustellen, seine Frau zu begrüßen, in bequemere Kleidung zu wechseln und dann zu sehen, was der Abend noch brachte.

»Ich hätte nämlich«, meinte der Fremde, »eine Frage zu stellen.«

Auf ein paar Minuten kam es auch nicht mehr an, und so antwortete Gernot: »Bitte sehr, fragen Sie ruhig.«

»Es muss auch nicht sein, aber es wäre sicher in Ihrem Interesse, mir eine Antwort zu geben.«

»In meinem Interesse? Was wissen Sie denn von meinen Interessen? Wir kennen uns doch nicht, oder?«

Es war in der Tat so, dass Gernot ein wenig unsicher war. Er hatte sein Leben lang kein sonderlich gutes Gedächtnis für Personen gehabt, überhaupt für manche Dinge nicht, die anderen Menschen von großer Wichtigkeit waren. Daten von Ereignissen etwa, oder welche Kleidung wer wann getragen, in welchem Restaurant man vor soundso viel Monaten welche Speisen genossen hatte…

»Nein, und doch ja. Sie kennen mich nicht, das ist richtig.«

»Aber Sie meinen, mich zu kennen?«

»Ich meine nicht nur.«

Gernot musterte den Mann aufmerksam. Womöglich ein Leser seiner Geschichten und Artikel? Oder jemand, mit dem er telefonischen Kontakt gehabt hatte?

»Nun gut, wie dem auch sei. Sie wollten mich etwas fragen, also fragen Sie.«

»Ich möchte nicht mit der Türe ins Haus fallen, andererseits ihre Zeit auch nicht über die Maßen beanspruchen. Es ist eine etwas – wie soll ich mich ausdrücken – delikate oder unübliche - Situation.«

»Sie machen es aber sehr spannend.«

Der Mann blickte hinauf zu den grauen Wolken, die gemächlich dahinzogen, als könne er von dort eine Inspiration für seine Formulierung erwarten. Es vergingen einige Augenblicke der Stille. Gernot überlegte, ob er sich verabschieden sollte, andererseits war sein Interesse geweckt. Dieser merkwürdig verschobene Tag brachte offenbar mit dieser Begegnung eine weitere skurrile Komponente, und warum auch nicht, es mochte ja durchaus tatsächlich wichtig für ihn sein. Das ließ sich erst beurteilen, wenn der Fremde die Frage gestellt haben würde.

»Wenn Sie keine Antwort geben möchten, oder zu keiner Antwort gelangen können, dann würde ich die nach meinem Empfinden beste Lösung zu finden suchen. Sie sind mir nicht unsympathisch, ich würde mir Mühe geben.«

»Vielleicht fragen Sie einfach, und dann sehen wir weiter?«

»Ja. Gut. Es wäre auch zu kompliziert oder zu langwierig, alles vorher zu erläutern.«

Gernot nahm eine Zigarette aus seiner Packung und hielt dann die Schachtel dem Fremden anbietend entgegen. Der schüttelte freundlich den Kopf und meinte: »Danke, ich rauche nicht.«

»Ist auch gesünder«, nickte Gernot und zündete seine Zigarette an.

»Ja, das sagt man allgemein.«

»Andererseits, Helmuth Schmidt ist Kettenraucher und ziemlich alt.«

»1918 geboren, also 9o Jahre alt. Schon eine beachtliche Lebensspanne heutzutage.«

»Ja, und mancher stirbt jung, obwohl er so gesund wie möglich lebt.«

Der Fremde nickte. Ein weiterer Blick zum Himmel, ein umgekehrtes Übereinanderschlagen der Beine, dann endlich kam er auf sein Anliegen zu sprechen, ohne dass Gernot es zunächst bemerkte.

»Wie würden Sie gerne sterben?«

»Ach, wenn man sich das aussuchen könnte, wenn es dann so weit ist…«

»Sie können auch durchaus ein wenig darüber nachdenken, wenn Sie nicht sofort zu einer Antwort finden.«

Gernot brauchte einen Augenblick, bis seine Gedanken das bisher Gesagte soweit verknüpfen konnten, dass er begriff, worum es ging.

»Das ist Ihre Frage? Wie ich einmal sterben möchte?«

»Ja. Wie würden Sie gerne sterben?«

»Nun ja, also wenn es dann irgendwann so weit wäre, dann wohl so schmerzlos wie möglich, denke ich. Vielleicht im Schlaf, ohne es zu bemerken.«

»Diese Option ist leider nicht verfügbar.«

Gernot nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch gen Himmel. Der Fremde war schon ein merkwürdiger Zeitgenosse. Hielt er sich für Gott? Oder war er gar ein ausgesucht höflicher Verbrecher, der den Auftrag hatte, ihn zu töten? Einen solchen Unfug konnte Gernot sich für eine Geschichte ausdenken, aber wer im wirklichen Leben würde ihn, den Freizeitschriftsteller, den mittleren Angestellten eines Industriebetriebes, den Durchschnittsdeutschen, töten wollen?

»Wer bestimmt denn, welche Optionen verfügbar sind? Sie?«

»Nein, es sind eher die Umstände. Sehen Sie, es ist so, dass Sie – ich hoffe, ich darf so offen sprechen – nicht mehr die Gelegenheit haben werden, schlafen zu gehen. Insofern ist leider der Tod im Schlaf ausgeschlossen.«

Wider besseres Wissen fragte Gernot nun doch: »Wer sind Sie eigentlich? Ein Auftragskiller?«

»O nein, verzeihen Sie, wenn ich diesen Eindruck erweckt haben sollte. Es liegt nicht in meiner Hand, den Zeitpunkt festzusetzen. Allerdings kann ich in gewisser Weise Einfluss auf die Umstände nehmen, daher meine Frage an Sie.«

»Ich hatte eigentlich nicht die Absicht, in absehbarer Zeit zu sterben.«

»Das ist völlig normal. Lediglich Selbstmörder bilden eine Ausnahme. Und die wissen meist nicht, was sie tun.«

»Ich beabsichtige vielmehr, noch weiter zu leben.«

»Das ist nicht der schlechteste Zustand, in dem jemand vom Diesseits Abschied nimmt, meine ich.«

»Eben. Ich lebe ganz gerne, also warum sollte ich heute sterben?«

»Es gibt eine Zeit fürs Gebären und Zeit fürs Sterben, Zeit fürs Pflanzen und Zeit fürs Ausreißen des Gepflanzten.«

»Mir scheint, Sie zitieren die Bibel.«

»Ja, das ist richtig. Prediger Kapitel 3.«

»Und warum sollte meine Zeit für das Pflanzen vorbei sein? Gesundheitlich bin ich wohlauf.«

»Solche Antworten vermag ich nicht zu geben. Bei allem Verständnis für Ihre Irritation, die ich durchaus durch meine Frage selbst herbeigeführt habe, wie ich wohl weiß, bleibt es dabei, dass der Zeitpunkt gekommen ist, und dass ich aus Mitgefühl und Sympathie entschieden habe, Ihnen zumindest die Gelegenheit zu geben, eine Wahl zu treffen. Ansonsten bleibt es dabei, wie gesagt, dass ich die nach meinem Empfinden beste Lösung zu finden versuche.«

Gernot überlegte kurz und ernsthaft, ob er womöglich in einem Traum diese Unterhaltung führte und in Wirklichkeit zu Hause in seinem Bett lag. In diesem Fall wäre es nun ein geeigneter Zeitpunkt gewesen, aufzuwachen. Dann hätte auch dieser ganze graue verrutschte Tag nicht stattgefunden, dann säße er nicht mit einem Fremden auf der Parkbank und würde über die Umstände seines Todes reden, sondern er würde duschen, Kaffee trinken, zur Arbeit fahren und nach Feierabend ganz normal nach Hause zurückkehren, anstatt auf halbem Wege anzuhalten und einen Park aufzusuchen, weil ihm plötzlich während der Fahrt mulmig und dunkelgrau vor Augen geworden war.

»Ich will nun nicht drängeln«, sagte der Fremde, »aber wie gesagt, es obliegt mir nicht, den Zeitpunkt zu verzögern.«

»Wenn ich das alles nicht träume«, sagte Gernot, »dann habe ich ja nicht allzu viele Möglichkeiten, nicht wahr? Tod im Schlaf fällt aus. Was bleibt denn dann?«

»Ein Unfall, Herzversagen am Steuer als Ursache, oder ein Unfall mit Fremdverschulden, oder ein Herztod ohne Unfall. Das sind grob gesehen die Möglichkeiten im zur Verfügung stehenden Zeitfenster.«

Gernot beschloss, sich einstweilen, Traum oder nicht, auf das Spiel einzulassen.

»Beim Unfall kämen andere Menschen zu Schaden?«

»Das ließe sich vermeiden.«

»Und mein Tod träte sofort ein?«

»Das liegt schon in der Natur der Sache, da der Zeitpunkt recht nahe gerückt ist.«

»Dann wähle ich den Unfall mit Fremdverschulden, damit meine Frau die doppelte Summe der Lebensversicherung bekommt. Andernfalls würde die Versicherung womöglich davon abrücken, dass es ein Unfalltod war, und das Herzversagen als natürliche Todesursache hervorheben.«

»Gut. Ich hatte eigentlich von Ihnen nichts anderes erwartet, wie bereits gesagt, kenne ich Sie. Dann verabschiede ich mich jetzt.«

Der Mann stand auf und reichte Gernot die Hand. Dann ging er den Weg hinunter in die tiefer werdende Dämmerung des Parks hinein.



Esther Mannsburg blickte auf die Wanduhr im Wohnzimmer. Es war nun schon nach 18:00 Uhr. Gernot hatte um 17:00 Uhr vom Büro aus angerufen und gesagt, er breche nun nach Hause auf. Das Mobiltelefon hatte er, der so vieles vergaß, am Morgen zu Hause liegen lassen. Gegen 17:30 hätte er eigentlich ankommen müssen.

Aus weiter Ferne klangen Feuerwehrsirenen herüber.
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onivido Männlich

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#2 | Samstag, 15. November 2008 (19:03) | profil | eMail | nMail | ip | suchen |


Hallo Guenter ,
faengt spannend an die Geschichte, aber ich finde du hast die Katze ein wenig zu frueh aus dem Sack gelassen. Schoen ueberhaupt mal wieder was von dir zu lesen.
Einen schoenen Sonntag wuensche ich///Onivido.


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Bernhard
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#3 | Samstag, 15. November 2008 (19:31) | ip | suchen |


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[ Editiert von Bernhard am 28.11.08 22:08 ]


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Enibas Weiblich

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#4 | Samstag, 15. November 2008 (20:41) | profil | eMail | nMail | ip | suchen |


Ich empfinde es als genau richtig "komponiert". Von Anfang bis Ende gerne gelesen, da stets der Gedanke präsent war: Was wäre, wenn mir das passieren würde? Und warum nicht? Könnte heute noch geschehen!
Für mich fand die (empfundene) Ironie der Geschichte an der Stelle statt, wo der Sachverhalt wegen der Versicherung erläutert wurde.

LG
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GJM Männlich
Günter J. Matthia
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#5 | Sonntag, 16. November 2008 (8:34) | profil | eMail | nMail | homepage | ip | suchen |


Vielen Dank für die Blumen!

Hätte ich die Katze später aus dem Sack gelassen, wäre die Geschichte wohl länger geworden - und ich wollte eigentlich bewusst keine falschen Fährten legen. Das Absurde der Situation soll gerade durch die unspektakuläre Alltäglichkeit beim Leser ankommen.
Daher gibt es auch kein verbissenes Feilschen um eine Lebensverlängerung. Gernot bleibt auch nicht auf der Bank sitzen, um seinem Schicksal zu entgehen...

Jedenfalls danke für's Lesen und Kommentieren. Dass ich so selten hier auftauche, liegt daran, dass ich zu viele Projekte (Lektorat, Publishing, Ghostwriting...) in zu wenigen Stunden bewältige - zur Zeit bleibt für die eigenen Texte recht wenig Freiraum. Aber sollte man darüber jammern, viel zu tun zu haben? Nein, ich bin im Gegenteil froh über jeden Auftrag, der ein paar Euros in die Haushaltskasse spült.
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Bernhard
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#6 | Sonntag, 16. November 2008 (8:37) | ip | suchen |


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[ Editiert von Bernhard am 28.11.08 22:08 ]


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GJM Männlich
Günter J. Matthia
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#7 | Sonntag, 16. November 2008 (8:45) | profil | eMail | nMail | homepage | ip | suchen |


Hallo Bernhard,

freu dich nicht zu früh, ich halte es immer mit dem Terminator: I'll be back!

:-)

Gruß, Günter
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Bernhard
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#8 | Sonntag, 16. November 2008 (8:48) | ip | suchen |


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[ Editiert von Bernhard am 28.11.08 22:07 ]


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KarinR

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#9 | Sonntag, 16. November 2008 (13:30) | profil | eMail | nMail | homepage | ip | suchen |


Saubere Story. Man erkennt den Könner. Mich hat's nicht gestört, früh zu erfahren, wer da mit wem spricht. Pssst, ich sage nix, soll ja noch von Anderen gelesen werden, mit freundlichem Gruß, Karin
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Fast jeder kommt als Genie auf die Welt und wird als Idiot begraben. (Charles Bukowski)


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GJM Männlich
Günter J. Matthia
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#10 | Sonntag, 16. November 2008 (16:46) | profil | eMail | nMail | homepage | ip | suchen |


Hallo Karin,

auf für Deinen erhobenen Daumen herzlichen Dank! Bei so viel Lob wird mir ganz schwummerig. Vielleicht sollte ich mich auf eine Parkbank setzten, um ein wenig zu verschnaufen?

Mit Grüßen

Günter
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mande Männlich

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#11 | Sonntag, 16. November 2008 (18:34) | profil | eMail | nMail | ip | suchen |


Ja, Günter,
mit Interesse deine, ich muss sagen, hervorragende Geschichte gelesen.
Ich selbst habe vor rund zwei Jahren zwei Geschichten eingestellt, mit dem Titel ´Der Fremde´ und mit dem selben Thema.
Leider sind sie nicht mehr zu finden, warum, weiss ich nicht und muss Ronald fragen.
Nun, ja, beim Vergleich, ich muss meinen Hut ziehen, vor deinem Können.
Trotzdem erlaube mir zunächst ´Der Fremde´ nochmals einzustellen. Nicht um Konkurrenz zu machen!
Es wäre vergebliche Liebesmühe.
Einfach, weil sie ´verschwunden´ ist.

Mit vielen Grüssen,
Manfred

[ Editiert von mande am 16.11.08 19:59 ]
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