Marianne

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#1 | Dienstag, 12. Januar 2010 (18:32)
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Die Eisprinzessin
Zur Weihnachtszeit, in einer kleinen Stadt, gar nicht weit von hier, wartete ein kleines Mädchen aufs Christkind. Es hieß Melitta und kam aus einer sehr, sehr armen Familie.
Die ersten Flocken wirbelten vom Himmel herab und Melitta sah bittend empor. Würde das Christkind heute ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen und ihr ein paar Schlittschuhe bringen? Ein paar Mal hatte sie üben dürfen, als ihre Cousine Martha über die Ferien da gewesen war. Martha wohnte mit ihren Eltern in der großen Stadt, aber als sie heimfuhr, hatte sie ihre Schlittschuhe natürlich wieder mitgenommen.
Seit ihr Vater arbeitslos war, ging es ihnen nicht so gut. Viele kleine Wünsche mussten sie sich versagen, weil das Geld nicht reichte. Aber zu Weihnachten bekam man ein Geschenk und durfte hoffen. Als sie die Puppe unter dem liebevoll geschmückten Bäumchen sah, gab es ihr einen Stich ins Herz. Die Puppe war schön, aber eben nicht das, was sie sich erhofft hatte. Um ihre Eltern nicht zu betrüben, drückte sie das Püppchen an sich und lächelte.
Im Januar war der See im Stadtwald zugefroren. Alt und Jung tummelten sich auf dem Eis und Melitta sah traurig zu.
Tag für Tag nach der Schule, stand sie an der Eisfläche mit großen, sehnsuchtsvollen Augen. Stundenlang harrte sie aus, auch wenn ihre Hände und Füße von der eisigen Kälte schmerzten. In Gedanken sah sie sich als berühmte Eisprinzessin über die Fläche tanzen, vom Publikum beklatscht.
Auch heute konnte Melitta es nicht erwarten, endlich in den Stadtwald zu kommen. Die Eisfläche war aber diesmal leer, bis auf ein kleines Mädchen, das ungefähr so alt zu sein schien, wie sie selbst. Es trug eine weiße Pelzmütze mit zwei lustigen Bommeln, die beim Gleiten auf dem Eis hinter ihm herflogen. Sein wunderschöner, roter Wollmantel mit weißem Pelzbesatz flog im Wind. Aber das Allerschönste waren seine Schlittschuhe. Das fremde Kind tanzte, nein, es schwebte wie eine Schneeflocke und in Gedanken tanzte
Melitta jeden Schritt mit. So anmutig und hübsch hatte sie noch niemals jemanden dahin gleiten sehen!
Melitta sah an sich herunter. Wie erbärmlich sah sie doch aus, in ihrem dünnen, schäbigen Mantel und der verfilzten Mütze auf dem Kopf. Als Sie aufblickte, war das Mädchen verschwunden.
Schade, dachte sie, ich hätte noch stundenlang zuschauen können!
Als auch sie den Stadtwald verlassen wollte, stolperte sie über ein Hindernis. Es waren Schlittschuhe, die das andere Mädchen sicher vergessen hatte. Melitta fragte nicht lange. Schnell schlüpfte sie aus ihren Halbschuhen und legte fast feierlich die nagelneuen, glänzenden Schlittschuhe an. Sie passten wie angegossen. Mutig stieg sie aufs Eis und lief hinaus zur Teichmitte. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, so dahin zu gleiten. Es ist wie ein Märchen, wie ein Traum, dachte sie. Bin ich es, die mit den Schuhen tanzt oder sind es die Schuhe mit mir? Gleich werde ich erwachen! Sie glitt auf einem Bein, drehte Pirouetten, machte Luftsprünge und wurde immer mutiger. Dabei vergaß sie Zeit und Raum.
„Ich bin eine Eisprinzessin“, jauchzte sie vor Vergnügen und machte einen Sprung. Da hörte sie das Krachen und Klirren des Eises unter sich und sank durch das Einbruchloch in die Tiefe. Die Träumereien der kleinen Eisprinzessin waren schnell ausgeträumt. Eisige Kälte erfasste sie.
Melitta schrie, aber niemand hörte sie oder kam ihr zu Hilfe. Mit einmal spürte sie Grund unter den Füßen; der See war am Rande flach. Sie bekam den Rand des Eises zu fassen und griff zu. Aber das Eis brach weiter ab. Immer wieder ging sie unter. Mit beiden Armen paddelte sie im eiskalten Wasser. Sie war so beschäftigt mit ihrer eigenen Rettung, dass sie nicht bemerkte, wie ein kleiner, flacher Körper sich Stück für Stück ihr entgegen schob.
„Greif zu!“ sagte das Mädchen und zog Melitta sicher aus dem kalten Wasser. Erst jetzt, auf sicherem Boden, spürte Melitta, wie ihr die Nässe und Kälte das Atmen erschwerte.
„Danke, für die Rettung. Und verzeih mir bitte!“ sagte Melitta und zog mit klammen Fingern die fremden Schlittschuhe aus.
„Wie gut, dass ich den Verlust so schnell bemerkt habe“, sagte das fremde Mädchen. Das hätte übel ausgehen können!“
Bevor Melitta wegrennen konnte, wollte das Mädchen ihren Namen wissen.
„Ich heiße Melitta Kunze und wohne im Kastanienweg drei. Es ist hier gleich um die Ecke."
Als Frau Kunze auf das Läuten hin die Türe öffnete und ihre Tochter pudelnass und vor Kälte zitternd vor sich sah, meinte sie, ihr müsse vor Schreck das Herz stehen bleiben. Sie steckte Melitta in ein heißes Bad und anschließend ins Bett. Danach ließ sie einen Arzt kommen. Außerdem musste sie ihrer Mutter die Geschichte beichten.
Geschimpft hat Frau Kunze nicht, denn sie war viel zu glücklich über die Rettung ihrer kleinen Eisprinzessin. Außerdem nahm sie sich vor, egal wie, endlich ihrer Tochter den lang ersehnten Wunsch zu erfüllen!
Zwei Tage später, Melitta hatte sich eine Erkältung zu gezogen und hütete noch das Bett, kam ihre Mutter mit einem Päckchen ins Zimmer. Es war in farbenfrohes Papier eingewickelt und mit einer roten Schleife verschnürt.
„Das wurde eben für dich abgegeben“, sagte sie.
In dem Päckchen lagen ein Paar nagelneue Schlittschuhe und eine Jahreskarte für den Eispalast. Auf einem Zettel stand geschrieben:
„Ich freue mich auf unser Wiedersehen!“
Gruß Lea
[ Editiert von Marianne am 20.07.10 12:18 ]
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