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Kurzgeschichten-Forum >> Kurzgeschichtenwettbewerbe >> Weihnachtsgeschichten 2012 / 2013 ... > Warum Marie Weihnachten zum Dieb wurde
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Marianne

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#1 | Montag, 09. August 2010 (11:37) | profil | eMail | nMail | ip | suchen |


Warum Marie Weihnachten zum Dieb wurde

Anfang Oktober 1946. Der große Krieg war längst zu Ende. Seitdem irrten Millionen von Menschen heimatlos und ohne Obdach durch die Welt, darunter auch Aggi und ihre vier Kinder. Ab und zu warf sie einen besorgten Blick auf ihre Kleinen, denn das Jüngste war gerade mal drei Jahre alt. Nur schwer konnte sie ihre Tränen zurück halten. Die Kinder wirkten so apathisch und ihre Augen blickten stumpf ins Leere. Der Vater der Kinder ruhte längst in fremder Erde. Er war als Soldat in diesem schrecklichen Krieg gestorben. Aggi vermisste ihn sehr. Seit dem 30.Januar 1945 waren sie auf der Flucht. Anderthalb lange Jahre, die schlimmste Zeit ihres Lebens. Es waren unzählige Städte und Dörfer, die sie hinter sich gelassen hatten. Immer zu Fuß und immer weiter. Getrieben von Hunger und Angst. Stolpern über verbrannte Erde und klettern über Trümmerhaufen. Genächtigt wurde da, wo sie vor Müdigkeit liegen blieben. Mal hatten sie ein Dach über dem Kopf, mal nicht. Sehr oft schliefen sie auf verlaustem Stroh, oder auf dem blankem Boden. Der Schlaf überkam sie neben Sterbenden und sie erwachten neben Toten.
Das Grauen lag nun hinter ihnen. Angst – Hunger – Kälte. Heute begann für alle ein neues Leben!
Dieser Oktobertag war sonnig und warm. Sie saßen mit anderen Familien dicht gedrängt auf einem Pferdefuhrwerk und wurden in ihrer neuen Heimat verteilt. Die Fahrt ging über holperige Wege von Dorf zu Dorf. Immer mehr Familien verließen den Wagen. Wer übrig blieb, waren Aggi und ihre Kinder. Keiner hatte Platz für eine so große Familie.
Es dunkelte bereits, als sich in einem kleinen Dorf ein Gastwirt ihrer erbarmte und ihnen ein Gästezimmer anbot. Die neue Bleibe lag am Ende eines langen Ganges und hatte auch schon mal bessere Tage gesehen. Im Raum standen zwei Betten, ein schäbiger Schrank, ein wackliger Tisch und zwei Stühle. Kein Ofen, kein Licht. Frisches Wasser musste mit einem Eimer am Dorfbrunnen geholt werden. Die Fünf waren so erschöpft, dass nur noch der Wunsch sie beseelte, zu schlafen. Aggi legte sich mit dem Kleinsten in das eine Bett und die drei Größeren teilten sich das Andere.
Heinz und Irmi legten sich zum Kopfende und Marie, die Siebenjährige, zum Fußende. In der Mitte des Bettes trafen sich sechs Beine, die sich gegenseitig im Schlaf störten. Die Zudecken waren unangenehm klamm, denn das Zimmer stand lange leer und wahrscheinlich war es selten gelüftet worden. Aber sie hatten endlich ein Dach über dem Kopf.
„Für Morgen sorgt Gott!“ war der Leitspruch von Aggi. Sie waren der Hölle entkommen, es konnte also nur noch besser werden! In den nächsten Tagen kehrte ein wenig der Alltag ein. Wenn man nur das nackte Leben rettet, fehlt es natürlich an allem.
Da in dem Zimmer kein Ofen war, kochte Aggi hinterm Haus auf vier Ziegelsteinen, in deren Mitte ein paar Holzscheite brannten. Zwei Blechdosen ersetzten die Kochtöpfe. Auf dem Weg nach draußen mussten sie an der Küche der Gastwirtschaft vorbei. Um den duftenden Küchengerüchen zu entgehen, der ihren Hunger noch schürte, stiegen die Kinder meist aus dem Fenster ihres Zimmers, das nach hinten zu einer alten Scheune hinausging.
Schon am dritten Tag ihrer Ankunft gingen sie wieder zur Schule, denn sie hatten während der Flucht viel Lehrstoff versäumt. Zudem waren sie unterernährt und schlecht gekleidet und wurden von den Mitschülern deswegen oft gehänselt. Aggi tat, was sie konnte. Wenn auch die kaputten Strümpfe ihrer Kinder nicht mit dem passenden Garn gestopft waren, so waren sie doch sauber und ganz. Mehr als einmal dankte Aggi Gott dafür, dass sie an einem Tag in der Woche die Waschküche der Wirtsleute benutzen durfte. Die Familie lebte bescheiden und zurückgezogen und fiel kaum auf. Die kleine Rente, die Aggi für sich und die Kinder bekam, reichte weder vorne, noch hinten. Und bald stand der Winter vor der Türe. Würde es reichen, die Stube zu heizen und die Kinder warm zu kleiden? Was immer besorgt werden musste, Aggi sparte das Geld dafür am Munde ab.
Die neueste Errungenschaft war ein Kochtopf aus Blech. Fast erfürchtig wurde er von allen beäugt. Täglich suchte Aggi im Ort nach einem Zimmer mit einem Herd, in das sie hätten umziehen können. Schon trudelten die ersten Schneeflocken vom Himmel. Sie begannen zu frieren. Immer öfter, auch schon am helllichten Tag, kroch die kleine Familie in die Betten, um sich zu wärmen.
Eines Tages, als Marie aus der Schule kam, suchte sie vergebens nach ihrer Mutter. Irmi, ihre drei Jahre ältere Schwester kochte draußen auf den Ziegelsteinen einen Grießbrei.
„Wo ist Mama?“ wollte Marie wissen.
„Mama liegt im Krankenhaus. Sie lag draußen im Gang und war bewusstlos! Mehr weiß ich auch nicht!“ antwortete Irmi, dabei rührte sie unentwegt mit einem Kochlöffel im Brei, der dicker und dicker wurde. Er quoll zur reinsten Pampe. Der kleine Bruder stand daneben und quengelte, weil er Hunger hatte.
„Aber das geht doch nicht!“ weinte Marie. „Bald ist Weihnachten! Ein Weihnachtsfest ohne Mama? Undenkbar! Ab heute sind Ferien, aber was wird danach? Irmi, du musst doch zur Schule gehen! Wer soll dann auf den Kleinen aufpassen?"
"Ich!" sagte Irmi. „Ab heute bin ich eure Mutter, verstanden? Ich gehe solange nicht zur Schule, bis Mama wieder hier ist. Und wenn ihr nicht folgt, gibt es Haue!“
Marie glaubte fest daran, dass Irmi das schaffen würde! Sie tröstete sich mit dem Gedanken, ihre Mutter würde bald wieder kommen. Hörbar zog sie die Nase hoch. Da hob Irmi ihren Kopf und blickte auf Marie.
"Wie siehst du denn aus? Hast du dich geprügelt?"
"Warum, wie sehe ich denn aus?" grinste Marie und sah an sich herunter.
Irmi schüttelte ihren Kopf.
"Du siehst aus, wie ein gerupftes Huhn!"
"Ja, ich habe mich geprügelt. Und weißt du auch warum?
Das reichste Bauernmädchen hier im Dorf nannte mich in der Pause einen Pollack. Da habe ich ihr eine geschmiert. Vor Wut ist sie auf mich los gegangen. Und weißt du, was sie noch gesagt hat: Ihr armen Flüchtlinge, wenn ihr da drüben was gehabt hättet, hättet ihr es ja mitgebracht! Da habe ich ihr noch eine geschmiert!"
Irmi war entsetzt.
"Das geht nicht, Marie. Das darfst du nicht tun!"
"Doch, das geht. Die wird mich nie wieder so nennen, diese dumme Pute. Was weiß die denn schon?"
Zwei Tage vor Heiligabend, klopfte Herr Schmidt, der Gastwirt, an die Zimmertüre.
„Ich habe für euch ein Zimmer mit einem Ofen gefunden. Packt alles was ihr besitzt, auf den Leiterwagen. Ich fahre euch hin.“
Viel war nicht zu packen. Sie fuhren in einen Nachbarort und Marie befürchtete, dass ihre Mutter sie nun nie mehr finden würde! Hilflos begann sie zu weinen.
"Und wenn Mama nun überhaupt nicht mehr kommt?"
"Marie, wie kannst du nur an soetwas nur denken?" schimpfte Irmi. "Das wird der liebe Gott nicht zulassen! Er wollte, dass wir leben. Wir schaffen das schon. Und nun hör endlich auf zu weinen."
Das Zimmer lag über einer Garage und war möbliert. Auch ein Kochherd stand darin. Jetzt brauchten sie nur noch etwas Essbares. Am nächsten Morgen gingen die Geschwister gemeinsam in den nahe gelegenen Wald und sammelten reichlich Potzemocheln (Tannenzapfen) und Kleinholz für die Feiertage.
Und dann kam der Heilige Abend und ihre Mutter lag noch immer im Krankenhaus. Sie besaßen kein Geld um sie zu besuchen. Niemand war da, den sie fragen konnten, was ihrer Mutter überhaupt fehlte. Heinz, der Älteste, war ein Herumtreiber geworden, ihm fehlte die strenge Hand der Mutter. Er trieb sich in den Dörfern herum und futterte sich bei Schulfreunden durch. Wer wollte es ihm verübeln! Aber heute war er zu Hause.
„Was gibt es zum Mittagessen?“ wollte er von Irmi wissen. Mit Tränen in den Augen zeigte sie ihm zwei gekochte Pellkartoffeln. Er stutzte.
„Gut“, murmelte er, „dann werden wir drum losen, wer sie essen darf!“
Sofort machte er vier Zettelchen und schrieb auf jedes fein säuberlich ihre Namen.
Marie zog das richtige Los. Irmi reichte ihr die Kartoffeln, die Marie glücklich entgegen nahm. Aber dann sah sie den Hunger in den Augen ihres kleinen Bruders. Wortlos reichte sie ihm die Kartoffeln. Schluchzend ging sie aus dem Zimmer und lief verzweifelt durchs Dorf. Aus einer Bäckerei roch es nach frischem Brot. Ohne lange zu überlegen, öffnete sie die Türe und ging hinein. Hier konnte sie vielleicht um ein Brot bitten. Die Türklingel schrillte laut, aber niemand kam. Marie sah sich verstohlen um. Spontan griff sie einfach ins Regal, schnappte sich zwei Brote, klemmte sie unter ihre Arme und rannte aus dem Laden.
In dem Moment war es ihr egal, ob sie gesehen worden war oder nicht! Woher das Brot kam, fragte keiner ihrer Geschwister.
Abends brannte auf dem Tisch eine Kerze, der Kochherd verströmte wohlige Wärme und jedes der Kinder hatte ein Stück von dem herrlich, duftenden Brot in der Hand und biss kräftig hinein.
Plötzlich polterten laute Schritte auf der Treppe. Ohne anzuklopfen wurde die Türe aufgerissen. Jedem Kind blieb der Bissen im Munde stecken. Der erzürnte Bäckermeister blickte in erschockenen Kinderaugen. Sein Donnerwetter blieb aus als er die vier Kinder einsam am Küchentisch sitzen sah.
Wo ist eure Mutter?“ fragte er ruhig. Irmi gab zitternd Auskunft.
"Im Krankenhaus."
Der Bäckermeister blickte sich in dem erbärmlich eingerichteten Zimmer um.
"Und wer kümmert sich um euch?"
Irmi blickte jeden einzelnen ihrer Geschwister an und hob ihre schmalen Schultern.
"Ich!" flüsterte sie leise.
"Das gibt es doch nicht!" sagte er lauter als gewollt.
Nun kam doch noch ein Donnerwetter, aber von ganz anderer Art. Er schimpfte über die Leute im Ort, über die Behörden, über die Dorfschwester, die es nicht für nötig hielt, sich um vier kleine Halbweisen zu kümmern! Verschreckt lauschten die Kinder seinen Worten. Als er sich wieder beruhigt hatte, schickte er nach seinem Gesellen, mehr Brot, Lebensmittel und Feuerholz zu holen. Ja, es gab sogar für jeden ein kleines Geschenk.
Es wurde ein wunderschöner Heilig Abend für die Kinder und für eine kleine Weile vergaßen sie alle Sorgen und Kummer.
Marie blickte mit glänzenden Augen in die Flamme der Kerze und stimmte leise ein Weihnchtslied an.
Als Irmi die Kerze gelöscht hatte und alle im Bett lagen,
trafen sich zwar immer noch sechs Kinderbeine in der Mitte
ihrer Schlafstelle, doch keiner schubste oder trat nach dem anderen. Sie waren schon lange nicht mehr so satt und glücklich.
Mitte Januar kam dann endlich ihre Mutter zurück. Schwach, aber wieder genesen, stand sie in der Tür. Der Wirt hatte sie mit seinem Fuhrwerk nach Hause geholt. Glücklich drückte sie ihre vier tapferen Kinder an ihre Brust und Heinz, Irmi, Marie und der Kleinste ahnten, dass nun alles gut werden würde.

[ Editiert von Marianne am 23.08.10 9:44 ]


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Spinnenkrieger Männlich

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#2 | Montag, 09. August 2010 (12:41) | profil | eMail | nMail | homepage | ip | suchen |


Hallo Marianne,

schön geschrieben und beschrieben, schön zu lesen.
Ich gestehe ich musste ein paar mal schlucken.
Wunderbar!

Liebe Grüße
Hans
_______________________________
Das Glück verfolgt mich seit Jahren, aber ich bin schneller!


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Marianne

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#3 | Montag, 09. August 2010 (13:42) | profil | eMail | nMail | ip | suchen |


Hallo Hans,

danke für Dein Lesen und für das Lob. Auch ich mußte
beim Schreiben mehrmals schlucken, denn die Erinnerungen kamen wieder an die Oberfläche.
Ganz liebe Grüße
Marianne


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3708 Weiblich
3708 Marlis
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#4 | Montag, 09. August 2010 (16:54) | profil | eMail | nMail | homepage | ip | suchen |


Ja, liebe Marianne, diese furchtbare Zeit muss einfach hin und wieder hervorgeholt werden, damit wir nicht vergessen, wie gut es uns heute geht.
Hunger ist etwas furchtbares und es wird immer noch gehungert und verhungert.
Eine wahre Geschichte, die man sicher niemals vergisst!
Man muss es niederschreiben und versuchen, dadurch Bruchteile zu verarbeiten.

Herzlichst
Marlis
_______________________________
Die Einsicht eines Menschen verleiht ihre Flügel keinem anderen.
Der Prophet Khalil Gibran


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Marianne

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#5 | Montag, 09. August 2010 (17:21) | profil | eMail | nMail | ip | suchen |


Ja, liebe Marlis,

manchmal überkommt es mich. Dann muß ich einfach davon schreiben. Hinterher geht es mir meist besser.

Ich danke Dir herzlich fürs lesen.
LG
Marianne


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