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tastifix Weiblich

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#1 | Montag, 29. November 2010 (11:57) | profil | eMail | nMail | ip | suchen |


Ich hatte die Schnauze seit einem Jahr gestrichen voll und zwar endgültig. Die zu meinem Menschenrudel gehörenden Zweibeiner nahmen keck für sich in Anspruch, das Non plus Ultra der Schöpfung zu sein. Mein ganzes Leben lang musste ich mir von ihnen vorschreiben lassen, was ich zu tun oder auch noch weitaus öfter gefälligst zu unterlassen hatte. Unentwegt wurde herum kommandiert.
„Mato, pfui!“
„Mato, lässt du das wohl endlich bleiben?“
„Mato, bist du eigentlich bekloppt??“

Hm ja, die letztere für mich ausgesprochen peinliche Nachfrage war des Öfteren in meinem Leben unbedingt verständlich und zudem angemessen. Und im Nachhinein gestehe ich reuevoll den geliebten Menschen sogar ausgesprochen viel Taktgefühl zu. Denn dermaßen wurde ich nur angebrüllt, wenn ich mich kess ausgiebig um Frauchens Bio-Eimer in der Küche kümmerte. Ausschließlich dann konfrontierte Frauchen mich mit der deutlichen Sorge um meinen Geisteszustand. Aber leider hatte sie Pech: Als 1/3 Kaiser von China war ich ein super kluger Hund und keinesfalls so dämlich, auf die ja ausgesprochen provokante Frage wirklich ausführlich zu antworten. Ein knappes ´Wau!` erschien mir als erschöpfender Kommentar zu der Frechheit durchaus ausreichend zu sein. ´Wau` war unverfänglich, weil es beliebig interpretiert werden konnte. Deshalb machte ich nur zu gerne bei jeder passenden und noch „gerner“ zu erstaunlich vielen unpassenden Gelegenheiten davon Gebrauch.

Aber immerhin erklärte ich mich aus Liebe zum Rudel trotz meiner Chowchow-Seele meistens, häufiger, manchmal ... wenn ich ehrlich vor mir selber war, allerdings nur ab und zu bis zu einem gewissen Grade zu Kompromissen bereit. Doch dafür trugen die Zweibeiner mit der verrückten Züchterei die Verantwortung, nicht ich. Wieso hatten sie mir auch den Chow angehängt? Es bot die ideale Ausrede für mich, wenn ich wieder einmal die Lauscher auf Durchzug gestellt hatte. Zwar schritt ich in elegant-hochbeiniger Teddymanier und äußerst gutmütig, jedoch innerlich in mindestens genauso arg zerknautschter Dickköpfigkeit einher. Ääätsch.
Mein Rudel hatte ausgesprochenes Glück. Nie erdreistete ich mich, mir Frauchen oder deren Anhang mit Knurren oder gar Zähnefletschen gefügig zu machen. Stattdessen erzog ich sie mit einem unaussprechlich süßen Dackelblick.

Doch unterdessen war das Gefühl der Langeweile und des Überdrusses in mir hoch gestiegen. Mittlerweile 15¼ Jahre alt, hatte ich wirklich lange genug für sie den Wachhund und Beschützer gespielt. Postboten pflichtgemäß zur Sau gemacht, fremde Hunde vor der eigenen Türe stimmgewaltig zusammengestaucht und die lästige Katzenbevölkerung zu dezimieren versucht. Was die Letzteren anging, verstand ich Frauchen nach wie vor nicht, dass sie die Kratzbürsten auch noch gern mochte. Meiner Meinung nach gaben die höchstens eine leckere Fleischmahlzeit ab.

Nicht nur als Beschützer und Rohrspatz vom Dienst war ich mehr als spitze. Nein, auch was möglichst viele, unverfrorene Streiche anging, enttäuschte ich sie keinesfalls. Mit denen gaben sie dann mit stolzgeschwellter Brust vor ihren Freunden und Bekannten an wie ein Sack Klöße.
„Bereits als Baby hat er uns ausgetrickst!“
Drehte es sich um unverschämte Regelverstöße gegen den Hundeknigge im Haus, konnte Frauchen sich stets voll und ganz auf mich verlassen.
Ja, ich war felsenfest davon überzeugt, in unserem Stadtteil sogar der vierbeinige Streiche-König zu sein. Allerdings benötigte es dazu unter meinem menschlichen Leittier keiner besonderen Raffinesse, denn Frauchen wollte keinen Gehorsamsroboter, sondern einen Hund mit starkem eigenen Willen.
„Fast alles darf man bei der. Nur nicht beißen!“
Das Fast Alles baute ich im Laufe der Jahre nach Eigeninterpretation fein gründlich aus, wie ich sowieso immer in allem die Gründlichkeit selber war. Als immens weiser Hund machte ich mir eine erfolgssichere Methode zu Nutze, um in den für mich wegen meiner Fast-alles-Aktivitäten oft sehr kritischen Situationen Frauchen dennoch fest im Griff zu behalten.

Dies war nun mal die wichtige Grundvoraussetzung der Fortsetzung unserer alle naselang widersprüchlichen Liebe. Ich betörte sie mit einem Kulleraugenblick, mit Kopf schief legen, mit Pfote geben und Schwanz wackeln. Erwies sich die Lage als extrem brenzlig, tauschte ich den Durchschnittskulleraugenblick gegen einen routinierten Dackelblick aus - betont langsam von unten nach ganz oben. Spätestens danach gehorchte Frauchen wieder umwerfend gut und ich war meine Sorgen los.
Selbst die dritte, eigentlich vorrangige Aufgabe erfüllte ich nach anfänglichem Babysträuben mit wachsender Begeisterung. Firma Steiff brachte ja darin sehr tüchtige Stofftiere zur Welt. Je älter ich wurde, umso engagierter widmete auch ich mich den Hausaufgaben im Fach ´Schmusen`. Allerdings achtete ich stets darauf, dass nur dann geknutscht wurde, wenn es mir gerade in den Kram passte.
„Nee, Frauchen, nicht, wann Du willst. Wie wäre es mit einer vorhergehenden Anfrage?“
Sicherheitshalber stellte ich einen betreffenden Sprechstundenplan auf und registrierte sehr zufrieden, dass mein Menschenrudel äußerst lernfähig war.

Aber eben dieses fast traumhafte Hundeleben ging mir mittlerweile gehörig auf den Keks. Alle tanzten nach meiner Pfeife und das nervte mich inzwischen dermaßen, dass ich beschloss, das Zuhause zu wechseln. Altersgenossen hatten mir geraten, besser freiwillig in den Hundehimmel zu entfleuchen, bevor ich noch ausgestopft bei Frauchen im Wohnzimmer landen würde. Weil die mich ja so sehr liebte und damit ich ihr nie mehr von der Seite weichen sollte. Das Nicht-mehr-von-der-Seite-weichen hatte in meiner Vorstellung stets die reinste Katastrophe bedeutet. Wenn ich daran dachte, wie aufregend die verbotenen Ausflüge ohne Leittier gewesen waren. Und später dann das erhebende Gefühl, wie sehr Frauchen jedes Mal um mich gebibbert hatte.
Trotzdem stand mein Entschluss fest. Es war an der Zeit, in himmlische Pension zu gehen, zumal ich mir sicher war, dass das andere Leben, welches mich dort oben erwartete, garantiert mindestens ebenso aufregend werden würde. Wenn ich allein an das in alle Ewigkeiten andauernde Jubelwauwau dachte ... Apropo Ewigkeit:
„Was bedeutet das überhaupt? Ob ich Teile davon fressen könnte? - Angeblich ist ja genug davon da!“

Es geschah an einem besonders schönen Sommernachmittag. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel, die Vögel zwitscherten ihr fröhliches Lied. Ich spazierte in den Garten in meine Lieblingsecke direkt vor dem Zaun mit dem Durchguck in praktischer Hundehöhe. Meine alten Knochen wollten nicht mehr so richtig. Vorsichtig trippelte ich ein paar Mal auf der Stelle, bevor ich mich langsam niederlegte. Aufseufzend vor Wonne streckte ich mich lang aus und schloss die Augen, um mich einem genüsslichen Mittagschlaf hinzugeben. Aber irgendetwas kitzelte mich. Ich zuckte mit dem Vorderlauf. Aber das Kitzeln dauerte an und verhinderte ein entspanntes Einschlafen. Ich wischte ein wenig mit der Pfote über den Boden. Es nutzte nichts. Stattdessen wurde das Kribbeln stärker. Beleidigt knurrte ich:
„Kann ich denn nie meine Ruhe haben? Schließlich bin ich uralt und möchte abschalten!“
Sauer blinzelte ich ins Tageslicht und guckte zufällig auf die Vorderpfote. Prompt war es um die für mich typische Gelassenheit geschehen. Huch! So ein komischer Stock. Es war doch gar nicht windig. Wieso aber huschte er dann so quer über das Bein und hatte so viele Nebenstöckchen? Eigenartig. Ich stupste das winzige Dingsbums mit der Nase an. Oh nein, was war denn mit dem plötzlich los? Es wurde ja immer lebhafter. Und dann kam mir die Erleuchtung, eine, auf die ich gerne verzichtet hätte. Das inzwischen im 100 km-Tempo herum wuselnde Etwas war gar kein Stock, sondern lebendig, gehörte eindeutig zur Gattung „Spinne“ und damit in die Nasenschublade “Horrorgeschöpf Nr.1“.

Endlich einmal zeigte sich die Harmonie zwischen Frauchen und mir - wenigstens in dieser Hinsicht waren wir einer Meinung. Strenggenommen war es schwer auszumachen, wer von uns vor diesen Biestern mehr Angst hatte. Nur war mir Hund eines klar: Weiblichen Wesen gestand man es zu. Bei richtigen Frauen hatte es so zu sein. Alle anderen waren wahrscheinlich im Grunde ihres Herzens Mannweiber. Dagegen ich als 56-58cm-Schulterhöhe-Hund durfte es mir auf keinen Fall anmerken lassen, dass ich mir beim Anblick eines solchen Mikrogeschöpfes vor Bibbern fast in die nicht vorhandene Hose machte. Andernfalls wäre mein Prestige in Nullkommanix futsch gewesen! Und das wiederum wäre für mich einer zweiten, dann weitaus tragischeren Horrorvorstellung gleich gekommen. Ein Eurasier wie ich ... und ohne mein über alles gehütetes Prestige!?

Leider scheiterte der eher jämmerliche Versuch, mich zusammenzureißen, völlig. Ich hatte zunehmend Bammel. Das Herz klopfte mir bis zum Halse. Sogar noch im Liegen wackelten mir die Beine vor Furcht. Die Spinne ließ es eindeutig kalt, welche Gefühle sie in mir Riesentier auslöste. Munter huschte sie fortwährend meine Beine rauf und runter. Auch ein paar Schnappversuche blieben erfolglos. Ich wurde den Plagegeist einfach nicht los. Meine Panik steigerte sich schier ins Grenzenlose.
´Jaul, hoffentlich produziert die kein Riesennetz, um mich mit dem dann kunstgerecht zu einem Leckerbissenvorratspaket zu verschnüren!`

Die hechelnde Aufregung in der Mittagshitze machte mich fertig. Kurz darauf war ich total groggy, gab den Scheinkampf Hund-Spinne frustriert auf und ergab mich in das nun ungewisse Schicksal. Mein letzter Wunsch war es, dass das Ungetüm sich wenigstens an mir den Magen möglichst deftig verderben sollte.
´Es soll meine post mortale Rache sein!`
Die Anstrengungen wegen „Krabbel“ waren zuviel für mich alten Hund. Kraftlos ließ ich den Kopf wieder zurück ins Gras sinken und schlief aufseufzend ein. Es sollte der längste Mittagsschlaf meines Lebens werden. Ein Mittagsschlaf, aus dem ich nie wieder erwachte.

Zunächst bemerkten meine Menschen es gar nicht. Sie glaubten wohl, dass ich stundenlang vor mich hin träumte. Selbst mein kleiner vierbeiniger Freund Quinny ahnte noch nichts. Erst nach Stunden, als „Abendessen für Wauwaus“ angesagt war, kam es ihnen komisch vor. Sicher, mein Gehör war nicht mehr das beste. Häufig brauchte es ein zehnmaliges Rufen, ehe ich endlich antrabte. Früher, in jungen Tagen, war ich immerhin bereits nach dem fünften Kommando gnädig erschienen.
„Na gut, ich guck mal, was ihr so treibt!“
Als sie dann merkten, was los war, trauerten sie schrecklich. Auch Quinny war nicht zu beruhigen, denn ich, sein bester Freund, hatte ihn verlassen. Seine Hundewelt geriet total in Unordnung. Stundenlang winselte er verzweifelt vor sich hin.

Wenn sie geahnt hätten ,wie gut es mir jetzt ging, wäre die Trauer bestimmt in Freude umgeschlagen. Nichts fiel mir mehr auf den Wecker. Keine Mäuse, keine Fasane, keine Katzen, keine fremden Rüden und erst recht keine frechen kleinen Spinnen machten mir länger das Hundeleben zur Hölle und sorgten auch nicht mehr für eigentlich total unnötige Aufregungen. Ich verließ meinen wie im Schlaf im Gras liegenden Körper, fühlte mich auf einmal federleicht und genoss es, frei in der Luft zu schweben. Ohne Gram betrachtete ich ein letztes Mal die mehr als 15jährige Fellhülle und schaute zurück zum Hause, in dem meine geliebte Menschenfamilie lebte.
„Danke für alles! Ich werde immer um euch sein!“


Als Geisthund begab ich mich auf die letzte große Reise, geführt auf diesem richtungweisenden Wege vom Schutzengel Franziskus, der sich mir unbemerkt zugesellt hatte.
„Komm, nur keine Angst! Du warst stets ein braver Hund. Dir ist ein Platz im Himmel sicher!“
Wir verließen die Erde, durchflogen die Wolkendecke, die sich zwischenzeitlich verdichtet hatte und schwerelos immer weiter in den Weltenraum hinein. Keine Ahnung, wie lang der Flug schon dauerte und die Richtung konnte ich auch nicht angeben, denn im All gibt es bekanntlich kein Oben und Unten, kein Rechts und Links. Trotz der Dunkelheit empfand ich neben Franziskus keine Furcht. Gelassen schwebte ich durch die endlose Stille.
„Wann sind wir da?“
Lächelnd erwiderte er:
„Das, was Dir irrsinnig lang erscheint, ist nur ein winziger Teil der Ewigkeit."
Ich guckte verständnislos.
„Wir haben gleich unser Ziel erreicht. Mache für einen Moment die Augen zu und öffne sie erst wieder, wenn ich es dir sage. Hab` Vertrauen.“
Darauf hinzuweisen war überflüssig. Ich hatte Franziskus auf Anhieb gut leiden können. Kein Wunder, denn der war ja stets so lieb zu uns Tieren ...

Brav kniff ich die Augen fest zu und wartete. Jeder Augenblick erschien mir unendlich lang. So, wie ich mir eben einen Augenblick des Ewigdings vorstellte. Doch schon flüsterte mir mein Begleiter die ersehnten Zauberworte ins Ohr:
„Das Eingangstor zum Hundehimmel!“
Vor Neugierde zitternd riskierte ich einen schüchternen Blick und riss dann die Augen weit auf.
„Wuhuuh! So etwas Schönes ist mir ja noch nie begegnet!“
Mitten in der Unendlichkeit des Weltenraumes stand ein riesiges, halbrundes Tor, grün wie das satte Gras auf der Wiese in meinem ehemaligen Revier. Dunkel kehrte die Erinnerung daran zurück - und mit ihr die an mein geliebtes Frauchen.
„Was sie jetzt wohl macht? Ob sie immer noch weint, weil ich fort bin?“
Um nicht selber auch noch traurig zu werden, verdrängte ich diesen Gedanken schnell. Denn dafür war der Hundehimmel wirklich nicht der richtige Ort.

Ich schnupperte. Woran erinnerte mich bloß der tolle Geruch? Irre, es roch ja wie Royal canin, Eukanuba, Pedigree pal und Chappi zusammen. Würden hier etwa auch Leckereien spendiert? Mein Blick streifte nochmals das grüne Tor. Ich konnte es kaum fassen. Rings herum wuchsen Schweineohren, Ochsenziemer, Kaustangen und sogar die dicken Kauknochen, die ich in den Schaufenstern der Zoogeschäfte immer so sehr bewundert hatte. Und am Tor klebten ganz viele Hundeschokoladensmarties.
„Bestimmt für all die lieben Hunde hier im Himmel, die wie ich auf Erden ihre Pflichten gewissenhaft erfüllt haben!“
Aber das Tollste daran - wie ich es viel später dann beobachtete - war: Stibitzte ein Vierbeiner einen Leckerbissen, so wuchs an der Stelle direkt ein neuer nach.

„Und, was kommt wohl jetzt als nächstes ...?“
Aber Franziskus verriet mir nichts. Stattdessen pflückte er einen in der Nähe wachsenden Kauknochen und pochte damit energisch an die Tür. Ich schrak zusammen, denn der machte dabei einen Lauscher betäubenden Lärm. Unwillkürlich dachte ich daran, wie sauer Frauchen reagiert hatte, wenn ich mittags im Garten gebellt hatte.
„Wir haben Mittagszeit, Mato!“, hatte sie mich schleunigst ins Haus gelotst.
In Erinnerung daran wandte ich mich meinem Begleiter zu. Allerdings noch ein wenig schüchtern, denn das hier war schließlich nicht mein Revier. Noch war ich ein Fremder und hatte mich deshalb gefälligst mit heftigen Argumenten zurückzuhalten:
„D..duu, n..nicht so`n Krach machen. Wir haben Mittagszeit!“
Aber anscheinend verstand sich auch Franziskus auf taube Ohren.

Nach dem dritten Bumm öffnete sich endlich laut knarrend das Tor.
´Ist ja schon fast eine Unendlichkeit an Jahren alt!`
Ein verschlafen blinzelnder Zweibeiner mit einem langen, weißen Bart erschien. So, wie der guckte, versicherte ich mir insgeheim:
„Ich hab` ja drauf hingewiesen, dass wir Mittagszeit haben!“
„Hallo, Franziskus!“, begrüßte der Zweibeiner aber wider Erwarten herzlich meinen Begleiter. „Wen bringst Du mir denn da?“
„Guten Tag, Petrus! Das ist Mato Schumacher, ein ganz besonders braver Hund!“
„Na, Mato, dann zeig mir mal Deine Papiere. Ohne die kann ich Dich nämlich hier nicht reinlassen.“
„P.Papiere?“ stotterte ich verzweifelt.
O je, hätte ich doch nur den Impfausweis mitgenommen. In dem standen zumindest mein Name und auch sogar das Geburtsdatum. Vom lieben Gott durfte ich wahrhaftig nicht erwarten, dass er sich die Informationen per Schnüffelei an meinem natürlichen Pass einholte. Das wäre selbst vom lieben Gott zuviel der Liebe verlangt gewesen. Denn er war ja auch nur ein Zweibeiner. Und die taten so was nicht.

Hilfesuchend schielte ich Franziskus an.
„Alles in Ordnung, Mato“, meinte der beschwichtigend und kramte aus den Falten seiner himmlischen Kutte ganz viel Raschelzeug mit furchtbar viel Schwarz drauf. Vor Überraschung machte ich einmal laut `Wuff`. Obwohl ich ja eigentlich keinen Krach machen wollte.
„Was soll`s. Petrus ist jetzt ohnehin schon wach.“
´Wuff`` war schon fast richtig. Noch zutreffender wäre gewesen:
„Wauwau!“.
Denn in den Papieren, die Franziskus in der Hand hielt, stand, dass ich zu den Hunden zählte, sogar zu denen mit blauem Blut. Na ja, meines war strenggenommen nur pseudoblau. Als emanzipierte Hündin hatte sich Mama wider des Vorschlages des Züchters anders entschieden und ihre Zuneigung einem Chowchow geschenkt. Aber so ganz detailliert war ich nie darüber aufgeklärt worden. Ihre Liebesgeheimnisse hatte sie selbstverständlich für sich behalten.
Mein Selbstbewusstsein wuchs enorm fix, als ich auf den Riesenpacken der Rascheldinger mit überall Schwarz drauf schielte. Bei soviel Schwarz, machte ich mir Mut, würde bestimmt der Aufnahme in die hündische Seligkeit nichts im Wege stehen.
„Was da wohl alles drauf steht?“
Zu gerne hätte ich ein wenig darin herum geschnüffelt.
„Vielleicht würde mir das Schwarz sogar erzählen, wer tatsächlich mein Papa ist?“
Aber für einen Hund aus gutem Hause ziemte sich das wirklich nicht. Auch nicht für einen aus halbgutem Hause, was mir Mama schon in meinen Babytagen beibrachte. Tüchtige Mama, ich ein braver Sohn. Also unterließ ich es.

„Der Herr kommt sofort!“, kündigte Petrus mit andächtiger Stimme an.
„Gelobt sei Gott!“, kam die prompte Antwort von Franziskus, genauso andächtig.
Ich schwieg zwar dazu, aber es beschäftigte mich ungemein:
´Wird der liebe Gott etwa auch jedes Mal gelobt, wenn er kommt? Und besonders, wenn er sofort kommt??` - „Hat Frauchen mit mir ja auch gemacht, wenn ich in Ausnahmefällen aus Versehen sofort gehorcht habe! - Ob der zur Belohnung ebenfalls hinter den himmlischen Ohren gekrault wird ... ?“
Ich zog den sicherlich nicht völlig falschen Schluss, dass dann aber der Bart des Jüngers Nummer Eins den lieben Heiland beträchtlich im Nacken kitzelte. So wie mich früher manchmal Frauchens Haare.

„Es kann noch einen Moment dauern“, meinte Petrus. „Setzt euch doch. Macht es euch gemütlich.“
Ich schaute umher.
´Klasse, überall stehen hier Hundeluxuskörbe jeglicher Größe und wie zu hause ausgestattet mit weichen Kopfkissen und Decken.`
Bei dem Anblick fühlte ich mich gleich heimisch.
„Und die tollen Bezüge!“
Nach kurzem Zögern traf ich meine Wahl und plumpste voll des hämischen Genusses auf ein Oberbett mit vielen miauenden Kratzbürsten. Endlich konnte ich mal viele von denen auf einmal platt machen.

„Ja“, erklärte gerade der Petrus dem Franziskus, „da gibt es ein Sorgenkind. Der Herrgott muss sich noch ein paar Minuten mit einer Dogge auseinander setzen. Die hat doch tatsächlich ohne triftigen Grund ihren Besitzer gebissen.“
Ich spitzte die Ohren. Es jagte mir einen Schauder der Empörung übers Fell und mir sträubten sich die Nackenhaare.
„W..was hat die ...? Und die ... auch hier oben?“
Mein Gerechtigkeitsempfinden erlitt einen gehörigen Schock. Schließlich war ´Beißen` eine Todsünde. Was hatte das Vieh dann um Himmelswillen in diesen Gefilden zu suchen? Und mit der sollte ich mir etwa bis in alle Ewigkeit (mir war immer noch nicht klar, was das eigentlich war?) den Hundehimmel teilen??
„Ich habe bereits eine SMS zur Vorhölle geschickt, damit sie abgeholt wird“, versuchte Petrus mich zu besänftigen.
„Voorhölle?“, japste ich knurrend nach himmlischer Luft. ´Solch ein über den Rest der Hundewelt Schande bringendes Exemplar gehörte für alle Ewigdingsbums auf die höllische Mistgabel aufgespießt. Fletsch!`

Petrus hatte das zutreffende Gefühl, eine noch etwas genauere Schilderung der Sachlage abgeben zu müssen, wenn er seinen Herrn und Meister nicht mit dem Ruf eines ungerechten Schöpfers im Regen stehen lassen wollte.
„Sie bekommt mildernde Umstände“, hub er an.
„Auuch daaas noch!“
Mehr ließ das mich mittlerweile lähmende Entsetzen darüber nicht zu.
„Es verhielt sich nämlich so: Ihr Herrchen war klapperdürr und da glaubte sie wohl eines Hochsommertages - bedingt durch einen Sonnenstich -, sie hätte ein in seiner Größe für sie passendes Superleckerchen vor der Nase. In Bezug auf jenen tragischen Moment ist sie eindeutig als unzurechnungsfähig einzustufen.“
„Tolle Rechtsprechung!“, sagte ich mir. „Ist ja fast wie auf Erden. Dort werden ja auch am laufenden Band so dermaßen makabre Urteile gefällt.“
Wenn ich allein darüber nachsann, dass Zweibeiner, die Menschenwelpen abgemurkst hatten, tatsächlich noch in teuren Menschenkrankenhäusern mit Samtpfoten umsorgt wurden, damit wohl diese armen Individuen später nach ihrer Entlassung ja neue Kraft hatten, um ihr Menschen verachtendes Treiben mit vermehrter Energie fortsetzen zu können ... Bei diesem Gedanken grummelte es heftig in meiner Magengrube.
„Aber brechen tue ich deretwegen nicht. Das sind die nicht wert!“

Petrus verschwand, wahrscheinlich, um Miss Dogge einzufangen, die garantiert noch die Frechheit besaß, sich vor dem ihr bevor stehenden Abtransport in Richtung Hölle noch ein letztes Mal den Bauch mit geklauten, himmlischen Schweineohren vollzuschlagen. Skrupellos, wie die war, schnappte die sich bestimmt drei gleichzeitig.
„Hoffentlich, hoffentlich“, jaulte ich bei dieser grauenhaften Vorstellung, „verwandelt sich das extra leckere Hundeschluckerzeug in brutal einschlagende Beruhigungsspritzen. Dann ist das Vieh wenigstens außer Gefecht gesetzt!“
So ungefähr verarzteten doch immer die Menschen ihre Artgenossen, falls die sich in ähnlicher Weise maßlos unverschämt daneben benommen hatten.

Schon erschien Petrus wieder auf der Bildfläche. Er wirkte sichtlich erleichtert:
„Entwarnung! Das Biest sind wir los. Der Oberwachtteufel Satanus hat sie gerade abgeführt. Je nachdem, ob und wie viele Teufel sie beisst, kann sie nach angemessener Aufenthaltsdauer dort unten nochmals Himmelsasyl beantragen. Also: Friede den Menschen auf Erden. Und Friede, Freude, Eierkuchen erst recht hier im Himmel!“
Ich investierte, völlig erledigt ob dieser Eröffnung, keinerlei Mühe, über diesen letzteren Ausspruch des heiligen Mannes noch weiter nachzusinnen.
„Wann kommt denn nun endlich der Herrgott? Ist der etwa genau solch eine lahme Flasche wie manche Zweibeiner?“

Gott spannte uns Untergebenen, seine geliebten Geschöpfe, nicht länger auf die Folter. Ein kleines Seitenportal öffnete sich. Herein trat der Herrgott. Bei seinem Anblick allerdings drohte mir vierbeinigem Himmelskandidaten beinahe ein post mortaler Herzschlag. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf und die vor Aufregung zitternde Nase ab.
„Wau, so hab ich mir ihn wirklich nicht vorgestellt. Wie sieht der denn aus?“
Der stand dort nicht etwa in wallendem weißen Gewande, wie immer in dem komischen Bibeldingsbums geschildert. Stattdessen entpuppte er sich als ein echter Naturbursche und war sehr flott gekleidet mit rot-weiß-kariertem Hemd, Kniebundhose und Wanderschuhen. Weshalb er die indessen trug, blieb mir schleierhaft. Berge waren hier nirgendwo zu sehen.
´Wahrscheinlich lebt mein oberster Chef sehr modebewusst. Wieso eigentlich aber auch nicht ...dieser Kleidungsstil?“, führte ich mir vor Augen, immer noch bewundernd dessen Outfit begutachtend: „Schließlich hat er die gesamte Natur erschaffen. Er darf also so rum rennen!“

Rot-weiß kariertes Hemd? Rot stand für Liebe und war somit durchaus angemessen. Und Weiß für Unschuld. Aber da regte sich in meinem Herzen ein lebhafter Widerspruch. Denn soo unschuldig war Gottes Sohn, der liebe Jesus, während seines Erdenlebens gar nicht gewesen, hatte dagegen sogar mehrere Freundinnen gleichzeitig sein Eigen genannt. Obwohl das in dem Bibeldingsbums ausdrücklich verboten worden war.
„Hm, vielleicht sollte ich besser das Maul halten. Wenn ich mich daran erinnere, wie viele Weibchen ich in meinem Leben ... !!
Der Naturbursche, Schöpfer allen Seins, wirkte jedenfalls augenblicklich sichtlich erschöpft. „Himmel! Noch ein solches Exemplar heute, und es langt!“
Ich ganz erschüttert:
´Der ruft ja sich selber an. Dann ist es wirklich weit mit ihm gekommen!`
Ich entschied, besonders charmant zu dem zu sein. Das war sowieso anzuraten, denn schließlich wollte ich ja hier rein. Ich setzte mich in dem Korb zurecht, ordnete die Pfoten ordentlich nebeneinander, führte den innigsten Dackelblick vor und harrte mit gehörigem Herzklopfen der Dinge, die jetzt unweigerlich auf mich zukommen würden.

„Na, Matochen, dann werfe ich mal schnell einen Blick auf deine Papiere. Obwohl ich das ja gar nicht brauchte, denn ich bin allwissend, wie du weißt.“
„Eigenartige Bemerkung! Mein oberster Chef ist ja tootaaal hinüber!“
Doch bevor ich diesen frustrierenden Gedanken weiter spinnen konnte, ging es erst richtig los:
„Also, was lese ich hier: Gehört es sich, dauernd auszubüchsen? Und darf man alles klauen, was nicht niet- und nagelfest ist?“
Gott wiegte zweifelnd den Kopf hin und her.
„Ob ich dich aber unter diesen Umständen hier aufnehmen kann ...?“
Mein Herz fing an zu flattern:
„Lieber Gott, bittebitte, lies besser an anderer Stelle weiter!“
Der liebe Gott hatte ein Einsehen und übersah zu meinem großen Glück geflissentlich die nächsten zwei Kapitel. Denn danach folgte nur noch Lob:
„Prima, du hast dein Rudel dein Leben lang konsequent mit Vehemenz verteidigt und ausgesprochen geduldig mit dem Menschennachwuchs gespielt. Und, was für mich ausschlaggebend ist: Du hast auch nicht ein einziges Mal deine Leute bösartig angeknurrt. Wenn ich das so lese, dann will ich noch mal Gnade vor Recht ergehen lassen.“
Plötzlich gefiel mir die himmlische Rechtsprechung wieder ganz ungemein. Mutig trabte ich zu Gottvater, schmiegte mich an sein Bein und ließ mich mit Wonne minutenlang kraulen. Gottvater nutzte das ebenfalls mit Wonne gleichfalls minutenlang aus.

„Ach, sag einmal, woran bist du eigentlich gestorben?“, meinte doch tatsächlich mein Herr und Meister.
„Spinna saurica!“ - ´Weshalb fragte der denn bloß? Ich denke, der ist allwissend?`
Ich wunderte mich beträchtlich.
„Ääh ... what?“, gab Gott gar nicht mehr so allwissend zurück.
„J..ja, wau, abaaa ... ich d..dachte ... “
Es endete in einem hilflosen Stottern. Mir kam eine erschreckende, all die hündischen Glaubenssätze über den Haufen werfende Idee:
´Hat dieser Schöpfer aller Kreaturen sich zuviel des Erschaffens zugemutet und deswegen allmählich die Übersicht verloren? Dann auch darüber, was alles an Arten der „Spinna saurica“ auf Erden ihr Unwesen trieb? Hatte er durch die Überanstrengung wohlmöglich an Allwissenheit eingebüsst und demnach auch an Allmacht?`
So vermutete ich und vermutete richtig. Gottvater plumpste auf seinen Thron (im Hundehimmel ist es ein Superluxuskorb mit mindestens vier Kopfkissen!), stützte den nicht mehr so ganz allwissenden Kopf in die linke Hand und dachte nach. Brütete über „Spinna saurica“, wohl, um seine Allwissenheit wieder aufzupolieren. Der Rest der ihm noch verbliebenen Allmächtigkeit sollte ihm bestimmt dabei helfen.
Voller Mitleid beobachtete ich meinen dort völlig gebrochen dort sitzenden Schöpfer. Mein Entschluss stand fest:
„Dem schenke ich zum nächsten Geburtstag eine Ausgabe von ´Brehm´s Tierleben` zwecks Wiederaufbaus des göttlichen Selbstbewusstseins!!“


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