Dareios
Imperator h.c.


Beiträge: 2041
Dabei seit: 04.01.07
|
|
#1 | Montag, 16. Juli 2007 (7:45)
|
| profil | eMail | nMail | ip | suchen |
|
Die Seeschlacht von Salamis
Leichter Nebel lag über der Bucht. Der Mond widerspiegelte sich im Wasser. Noch war der Himmel sternenklar, am Horizont kündete eine leichte Rötung aber schon vom nahenden Sonnenaufgang. Leise plätscherten die Wellen und brachen sich an den Schiffsrümpfen der Bündnisflotte, die zu hunderten in der Straße von Salamis lagen. Aus den Lagern der Athener Flüchtlinge auf der nahe gelegenen Insel Salamis waren nur gelegentlich Geräusche der Wachmannschaften zu hören.
Leicht frierend stand Kleitos, der Kybernetes der attischen Triere „Kalliope“, am Bug des Schiffes und blickte hinüber zu den Felsen, wo die Halbinsel Kynosura in den saronischen Meerbusen ragte. Irgendwann würden von dort die persischen Kriegsschiffe auftauchen.
„Alles ruhig?“ Die Frage kam von Demetrios. Überrascht drehte sich Kleitos um. „Du bist schon auf den Beinen, Trierarch?“ Demetrios rieb sich eine Narbe. Sie war rot und noch frisch. „Heute wird es passieren“ antwortete er. Auch er sah nach Osten. Kleitos trat einen Schritt zur Seite, um Demetrios eine bessere Sicht auf die Klippen der Halbinsel zu ermöglichen. Er war dabei gewesen, als Demetrios diese Narbe geschlagen wurde. Vor ein paar Wochen lieferte sich die verbündete Flotte bei Kap Artemision mehrere Seegefechte mit den Persern, um deren Landung hinter den Linien der griechischen Verteidiger bei den Thermopylen zu verhindern. Bei einem dieser Gefechte ergab sich die Chance, eine phönizische Triere zu entern. Kleitos rammte den Bug seiner „Kalliope“ in die Seite des Gegners, verlor aber beim Aufprall das Bewusstsein. Als er wieder erwachte, sah er, wie Demetrios an der Spitze der Entermannschaft auf dem Deck des Phöniziers ganze Arbeit leistete. An diesem Tag hatte die „Landratte“ Demetrios die Achtung des Steuermanns und seine Freundschaft errungen.
Auf den Höhen von Kynosura gingen Lichter an und wieder aus – Signalfeuer. Demetrios fühlte einen Kloß im Hals. Er legte den Arm auf Kleitos Schultern. „Weck die Männer, es geht los! Die Perser kommen!“ Die Tage des Wartens waren vorbei. Heute würde sich das Schicksal seiner geliebten Stadt Athen, würde sich das Schicksal von Hellas entscheiden.
Fluchend ging Themistokles von der nächtlichen Strategenberatung zu seinem Zelt. Dieser Spartaner Eurybiades, Oberbefehlshaber der Flotte, war in seinem taktischen Denken Hoplit, kein Seemann! Er wollte die Flotte nach Korinth zurückziehen und sich dort mit dem Landheer vereinigen, solange die Georgios-Straße nordöstlich von Salamis noch nicht von den Persern blockiert war. Themistokles wusste, dass die Flotte in den offenen Gewässern vor Korinth gegen die dreifache Überlegenheit der Perser keine Chance hatte, aber er konnte sich nicht durchsetzen. Er blickte über die Bucht. Dort lag der Stolz von Hellas in Lauerposition: 147 Trieren aus Athen, 40 aus Korinth, 20 aus Megara, 18 aus Aigina, 12 aus Sykeion, 10 aus Sparta und weitere aus anderen Poleis, insgesamt 271 Schiffe. Und dort, in dieser Bucht, lag auch die große Chance, die persische Flotte zu schlagen, da sie dort ihre zahlenmäßige Überlegenheit nicht ausspielen konnte. Maximal 80 Trieren könnten dort gleichzeitig gegeneinander kämpfen, die bessere Seemannschaft und die Kenntnisse des Seegebietes würden wichtige, vielleicht sogar entscheidende Vorteile auf Seiten der Griechen sein. Er dachte an die Prophezeiung der Pythia von Delphi: „Alles gehört den Feinden, soviel des Kekrops Hügel (Akropolis) und des Kithairons Tiefe einschließt. Nur die hölzerne Mauer schenkt Zeus seiner Tritogeneia (Pallas Athene). Sie allein bleibt heil zur Rettung für dich und die Kinder. Nicht zu Lande halte du stand den feindlichen Scharen, die zu Roß und Fuß dich bedrängen, nein, kehre den Rücken, Flieh! Es kommt die Zeit, da deine Stirn du erhebst! Salamis, göttliche Insel, du mordest die Söhne der Mutter, wenn Demeter das Korn ausstreut, oder wenn sie es erntet.“ Es war Erntezeit, aber die Felder Attikas waren von den Persern verwüstet, ebenso die Stadt Athen. Themistokles glaubte nicht mehr an die Götter, aber das Orakel der Pythia war klar. In den letzten Jahren hatte er seinen ganzen politischen Einfluß hineingelegt, mit den Gewinnen aus den staatlichen Silberbergwerken des Laurion Athen zur ersten griechischen Seemacht zu machen. Nur zur See waren die Perser mit dieser hölzernen Mauer aufzuhalten. Aber nun…
Jäh wurde Themistokles aus seinen Überlegungen gerissen. „Admiral, sie kommen!“ Fast wurde er von einem Boten umgerissen. Er fasste ihn bei den Schultern. Kaum 18 Jahre war der Junge, seiner Rüstung nach Epibate auf einer Triere. „Reiß dich zusammen: wer kommt, wie viele sind es, von wo kommen sie!“ „Herr, die Perser haben die Insel Psyttalaia besetzt! Über 600 persische Schiffe, die ganze Flotte, sind auf dem Weg hierher, ohne Segel! Sie wollen kämpfen!““Na siehst Du, es geht doch!“ Themistokles lächelte dem Jungen zu. „Und nun geh auf Dein Schiff! Wir haben noch Zeit. Und hab keine Angst! Heute wirst Du Geschichte schreiben, mein Sohn!“ Schüchtern lächelte der junge Mann zurück, dann lief er los. Themistokles frohlockte innerlich. Die Perser müssen die ganze Nacht gerudert sein, gestern noch lag das Gros ihrer Flotte im Piraios. Nun ging sein Plan doch noch auf.
Auch der Strategenstab musste wohl von einem Boten informiert worden sein. Hektisches Treiben brach am Ufer aus. Die Geschwaderführer wollten zu ihren Schiffen, auch die Kämpfer und Ruderer, die an Land schliefen, erwachten und wollten zu ihren Einheiten aufbrechen. Unterführer brachten Ordnung in das Chaos, sie sorgten dafür, dass die griechischen Kämpfer den Tag ruhig begannen. Dafür war noch Zeit genug.
Themistokles rief die Geschwaderführer zurück zu sich. Von Spähern auf den Klippen hatte er erfahren, dass die Perser sich in dreifacher Dwarslinie näherten. Ein Durchbruch war unmöglich, aber der war auch nicht notwendig für seinen Plan. Eurybiades hielt sich während der Beratung zurück, der arrogante Spartaner war verständig genug, zu akzeptieren, dass Themistokles ihm in Fragen der Kriegführung auf See überlegen war. Nach fünfzehn Minuten war alles gesagt. Eine halbe Stunde später war die Flotte der Verbündeten zum Kampf bereit.
Kleitos blickte zur persischen Flotte hinüber. Seine Angst hatte sich gelegt. Als alter Seebär erkannte er die gegnerischen Schiffe. Den attischen Geschwadern kamen die Phönizier entgegen, auf dem anderen Flügel waren die ionischen Griechen, wahrscheinlich vom Perserkönig Xerxes zum Flottendienst gepresst. Dazwischen Schiffe anderer Seevölker: Kilikier, Lykier, Pisider. Seeräuber im Dienste des Feindes! Kleitos schüttelte angewidert den Kopf.
Auf dem Flaggschiff gingen Flaggen hoch. Es geht los, dachte Kleitos. „Anker auf! Rudert!“ Demetrios Befehle waren weithin zu hören, gleichzeitig kamen die Befehle auch von den anderen Schiffen der Flotte. Die Schläge der Rudermeister ertönten. Langsam setzte sich die griechische Flotte in Bewegung. In gerader Dwarslinie fuhr sie auf den Feind zu. Von backbord kamen weitere Kommandos. Ein ganzes attisches Geschwader, über 20 Schiffe, drehte nach Backbord ab und strebten in Richtung Georgios-Straße. Es sah wie eine Flucht aus. Demetrios und Kleitos sahen sich an: sie wussten es besser. „Hoffentlich denken die Phönizier auch, dass da unsere Schiffe fliehen“ rief Demetrios zu Kleitos. Der nickte und sah zu den Phöniziern. Diese hatten die Flucht ebenfalls bemerkt und drehten ihre Kiele in Richtung der verbliebenen griechischen Schiffe, genau auf das Geschwader, in dem die „Kalliope“ fuhr. Kleitos seufzte. Ihr Geschwader hatte die Aufgabe übernommen, einen Großteil des phönizischen Kontingents zu binden. Eine Zeit lang wird es sehr schwer werden, sich gegen die Übermacht der Phönizier zu verteidigen. Ach, was soll`s…
Die Abstände zwischen den persischen Schiffen wurden immer geringer. Ihre Kapitäne hatten offensichtlich Mühe, nicht miteinander zu kollidieren. Dann passierte es. Eine ionische Triere jagte mit voller Fahrt auf die Klippen vor Kynosura. Ihr Bug fegte herum und rammte sich in das Nachbarschiff. Die Schiffe der nachfolgenden Dwarslinien versuchten auszuweichen, aber nicht alle schafften es. Zwei Schiffe rasten in die havarierte Triere, die jetzt schnell sank. Schreie hallten durch die Bucht. Zwei rhodische Pentekonteren konnten nur knapp ausweichen, verloren aber Backbord alle Riemen. Auch an anderen Stellen der persischen Linien kam es zu Kollisionen.
In diesem Augenblick erschien von Themistokles Flaggschiff eine neue Flaggenkombination. Die Flotte der Verbündeten ging auf Rammgeschwindigkeit. Gleichzeitig wendete das attische Geschwader „auf der Flucht“ um 180 Grad und jagte in Dwarslinie auf die phönizischen Schiffe zu, die ihnen jetzt die Seite boten. Auch einige Phönizier bemerkten das, sie versuchten, ihre Schiffe nach Steuerbord in Richtung des attischen Geschwaders zu drehen. Zu spät!
Der Rammsporn der „Kalliope“ knallte mit voller Wucht halb seitwärts in eine phönizische Triere. Auch an vielen anderen Orten in der Bucht krachte es. Fast alle griechischen Schiffe fanden in der in Unordnung geratenen persischen Dwarslinie ein Ziel. Einige Schiffe aus der zweiten persischen Dwarslinie liefen auf die Havaristen aus der Ersten auf und fingen gleichfalls an zu sinken. Immer mehr Kollisionen konnte man in den persischen Linien erkennen, ihre Schiffe hatten keine Möglichkeit, zu manövrieren.
Kaum hatte sich die „Kalliope“ aus dem phönizischen Schiff gelöst, kam ein weiteres heran und versuchte, sie zu rammen. Eine Erschütterung ging durch das Schiff. Schlecht gezielt, der Phönizier, dachte Kleitos, während er sich an der Reling fest hielt. Er traf nur den vorderen Bug. Aber der Rammsporn der „Kalliope“ brach. Ein weiterer Phönizier verfehlte nur knapp, zerbrach aber die Riemen auf Steuerbord. Schreie hallten durch das Schiff, viele Ruderer wurden von herumwirbelnden Riementeilen verletzt oder gar erschlagen. Ein dritter Phönizier ging an Steuerbord längsseits, um zu entern. Mit Geschrei sprangen dessen Krieger auf das Deck der „Kalliope“.
„Wir haben starken Wassereinbruch“ schrie Kleitos zu Demetrios hinüber. „Kümmere Dich darum“ rief der zurück, während er die Seeleute und kampffähigen Ruderer zur Verteidigung des Schiffes organisierte. Und dann ging die Schlacht an Bord auch schon los. Ein viertes phönizisches Schiff hatte an Backbord festgemacht, auch ihr Enterkommando ging auf die „Kalliope“ über.
In dem Augenblick erreichte das attische „Fluchtgeschwader“ die kämpfenden Linien. Ein Krachen ging durch den an Backbord liegenden Phönizier. Eine attische Triere rammte mit Höchstgeschwindigkeit seine Seite und zog sich langsam wieder zurück. Man hörte das Holz splittern. Schnell sinkend driftete der Phönizier ab. Auch die anderen attischen Schiffe fanden Ziele, sie drückten die persische Flotte immer mehr zusammen, so dass weitere Kollisionen folgten. Schon wandten sich erste persische Schiffe zur Flucht, sich gegenseitig dabei behindernd. In lockerer Dwarslinie suchten sich die griechischen Schiffe, die den ersten Zusammenstoß überstanden hatten, neue Ziele. Überall waren ohrenbetäubende Schreie, Krachen und Kampfgetöse zu hören. Auch von den Ufern der Insel Salamis erklang Kampfgeschrei und Stöhnen. Die Seeleute der gesunkenen persischen Schiffe, die es bis zum Ufer schafften, wurden von den aufgebrachten Athenern erschlagen.
Das Flaggschiff des Themistokles hatte nur leichte Schäden erlitten. Ein Enterkommando war gerade dabei, die eroberte phönizische Triere zu bergen. Mit Tränen in den Augen blickte Themistokles in die Bucht. Letzte persische Schiffe verschwanden gerade mit Schlagseite hinter dem Kap von Kynosura. Der verbündeten Flotte war heute gelungen, womit außer ihm niemand gerechnet hatte – die persische Flotte wurde geschlagen. Auf eine Verfolgung musste er verzichten, zu viele Wracks schwammen in der Bucht, außerdem wusste er noch nicht, wie viele seiner Schiffe noch kämpffähig waren. Die Männer mussten erschöpft sein. Zwölf Stunden hatte das gewaltige Ringen gedauert, nach ersten Berichten hatte die griechische Flotte über 200 persische Schiffe versenkt bei gerade einmal 40 eigenen Verlusten. Das von ihm entwickelte Signalsystem hatte perfekt funktioniert. Langsam wich die Anspannung, Erschöpfung und Müdigkeit machten sich bemerkbar.
Themistokles lehnte sich an die Reling und ließ seinen Gefühlen freien Lauf.
Demetrios stand an Bord der geenterten phönizischen Triere und sah zur „Kalliope“ hinüber. Er blutete aus mehreren Wunden, aber keine von ihnen war gefährlich. Sein Schiff hatte schwere Schlagseite. Man würde die „Kalliope“ zwar bergen können aber ihre Tage als Kriegsschiff waren vorbei. Er dachte an die vergangenen Stunden. Fast hätten die zwei Enterkommandos der Phönizier es geschafft, seine Leute zu überwältigen. Nur mit Mühe konnten sie sich noch im Heck der „Kalliope“ der gegnerischen Übermacht erwehren. Aber dann fiel Kleitos mit seinem bewaffneten Reparaturkommando den Phöniziern in den Rücken. Demetrios schmunzelte. Kleitos wütete wie ein Barbar unter den Gegnern, fast schien es, als ob Achilles den Weg zu ihm an Bord gefunden hatte. Als dann auch noch das Enterkommando der rettenden Triere aus dem „Fluchtgeschwader“ an Bord kam, konnten die Phönizier schnell zurückgedrängt werden. Einige Dutzend Gefangene standen jetzt auf dem Heck des phönizischen Schiffes, den Kopf gesenkt. Sie wollten die Welt erobern – jetzt werden sie gute Sklaven abgeben.
Aber wo war Kleitos? Suchend ließ Demetrios seinen Blick über beide Schiffe schweifen. Er fand ihn bald. Kleitos saß am Stumpf des Hauptmastes der „Kalliope“. Sein Kopf war bis zum Kinn gespalten, ein Pfeil ging ihm quer durch den Hals. Zwei Speere steckten in Brust und Bauch. Die unzähligen anderen Wunden bluteten schon nicht mehr.
Traurig wandte Demetrios sich ab. In den vergangenen Wochen hatte sich zwischen beiden Männern eine enge Freundschaft entwickelt, sie kannten alle ihre Geheimnisse, Wünsche, Freuden. Demetrios wusste, dass Kleitos eine Frau und fünf Kinder zurückließ. Er nahm sich vor, die Familie des Kleitos zu besuchen und sie zu unterstützen.
Aber auch eine gute Nachricht erreichte Demetrios. Seine Frau hatte ihm auf Salamis einen strammen Sohn geboren.
Zweiundzwanzig Jahre später. Die See war aufgewühlt. Die schwere Triere „Kalliope“, Flaggschiff des 3. Attischen Geschwaders, jagte an der Spitze ihres Verbandes fliehende phönizische Schiffe nach einem Seegefecht nördlich von Kypros. Am Ruder des Schiffes stand der junge, aber sehr fähige Kybernetes Kleitos, Sohn des Demetrios
Ergänzung von Kyros:
Karte zur Schlacht:
http://www.gottwein.de/imag02/salam01.jpg
1. Stellung der Perser
2. Stellung der Griechen
3. Psyttaleia
4. Aigaleos-Gebirge (1450 m)
5. Straße nach Athen
6. Eleusis
7. Thriasische Ebene und Heilige Straße
8. Megara
9. Neu-Salamis
10. Alt-Salamis
11. Rheitoi
12. Phaleron
13. Peiraieus
14. Budoron-Vorgebirge
15. Methurides-Inseln
16. Kerata-Gebirge (1450 m)
_______________________________
Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt, einmal gemachte Fehler zu wiederholen!
|
löschen | direktlink | verschieben | melden | bearbeiten | zitieren |
|
|