Der perfekte Plan

zruda
Der perfekte Plan

„So, die Liste ist raus!“
Alle Gespräche verstummten. Seile und Kletterutensilien lagen auf dem Hallenboden wild verstreut herum, dazwischen kauerten die Bergsteiger. Lisa blickte Lars in die Augen. Es würde ihre erste gemeinsame Großexpedition werden. Zum Berg ihrer Träume – der Annapurna. Niko Stark, der Expeditionsleiter las die Namen langsam und deutlich. Als Lisas Name fiel, jauchzte sie auf. Lars legte den Arm zärtlich über ihre Schultern. Für 10 der 20 Bewerber gab es einen Platz. Als der 10. Name fiel, ließ Lars seinen Arm sinken und sah Lisa fragend an. Er hatte es noch nicht verstanden. Man hatte ihn nicht ausgewählt. Langsam stieg Röte in sein Gesicht. Das war doch nicht möglich. Lisa war ganz nett und ja, er hatte eine Affäre mit ihr begonnen, aber als Bergsteigerin konnte sie ihm doch nicht das Wasser reichen. „Das muss ein Irrtum sein!“, brüllte er in Richtung des Expeditionsleiters.
Niko versuchte Lars zu beschwichtigen. „Bis zum nächsten Mal wirst Du Deine Technik sicher besser in den Griff kriegen!“
„Was? Und Lisa, diese blöde Kuh nimmst Du mit! Die kann doch gar nichts! Willst sie wohl ficken? Oder hat sie dir Geld gegeben, hä?“
Lisa saß erstarrt auf dem Hallenboden und wusste nicht, ob sie träumte oder ob das der Mann war, mit dem sie vor ein paar Stunden noch die kühnsten Pläne geschmiedet hatte.
„Verschwinde, aber ganz schnell!“, sagte Niko und bewegte sich mit geballter Faust auf Lars zu.
„Von mir aus! Das werdet Ihr noch bereuen! Ich wünsche Euch, dass Ihr alle umkommt, Arschlöcher!“

Freude und Entsetzen quälten Lisa auf der Fahrt nach Hause. Der Kurfürstendamm verschwamm in ihren Tränen. Sie fuhr wie ein Automat, blieb auf der rechten Spur der Stadtautobahn und war froh als sie bei Nikolassee abfahren konnte. Bernd, ihr Ehemann war auf Dienstreise in Brasilien. Sie hatte längst aufgehört, über die Anlässe dieser Reisen nachzudenken. Die Ehe bestand nur noch aus einem kühlen Nebeneinander im gleichen Haus. Lars hatte ihr nach langer Zeit wieder etwas Wärme geschenkt. Es tat so weh, dass er sie scheinbar nur benutzt und belogen hatte. Er hatte über sie nur an Niko herankommen wollen. Niko Stark, den steinreichen Himalaja-Fanatiker und Organisator etlicher kostspieliger Expeditionen. Niko war ein guter Freund ihres Mannes, aber die Chance, in das Annapurna-Team zu kommen, hatte sie sich durch Leistung erkämpft. Genau wie alle anderen hatte sie die schweren Alpentouren und die Übungen in den Kletterhallen absolvieren müssen. Niko hatte von vorneherein gesagt, dass er niemanden mitnehmen würde, der den Erfolg des Teams gefährdete.

Lisa fühlte sich in dem neuen Haus auf Schwanwerder wohl. Zur Straße hin hatte das moderne Haus nur kleine Fenster, aber auf der Wannsee-Seite bestand es aus einer einzigen Glasfront. Wenn das Licht eingeschaltet war, konnte man vom Wasser aus in das Haus hineinsehen wie in ein Puppenhaus. Tagsüber war es umgekehrt. Natur und Wasser erschienen als lebendige Wohnkulisse.
Jetzt war es im Haus ganz leise. Lisa schaltete den Fernseher ein und trank ganz gegen ihre Gewohnheit vom Whiskey ihres Mannes. Sie betrachtete die teuren abstrakten Gemälde und sehnte sich plötzlich mehr denn je in die lebensfeindlichen und grandiosen Berge des Himalaja. Lars war ein Schwein. Bernd war ihr gleichgültig, aber die Annapurna, das war ein Traum, der bald in Erfüllung gehen würde. Sie hatte jetzt zwei freie Tage, um sich wieder zu sammeln. Am Montag musste sie erst wieder in die Anwaltskanzlei und sich mit Mandanten herumärgern. Müde ging sie Wendeltreppe hinauf, sah durch die Fensterfront in eine schwarze Welt und legte sich ins Bett, das auf einem Podest im offenen Schlafzimmer stand. Morgen, wenn sich die Sonne in ersten rosigen Streifen hinter den Kiefern zeigen würde, wollte sie joggen gehen.

In der Nacht fiel etwas um. Lisa schreckte von dem Geräusch aus dem Schlaf und erfasste instinktiv, dass jemand im Haus war. Das Handy lag unten. In Panik nahm sie ihr Bergsteigerseil, flüchtete ins Bad und schloss die Tür von innen zu. Sie hörte Schritte auf der Treppe. Sie beschloss, sich aus dem Badfenster abzuseilen und in die Dunkelheit zu entfliehen.

„Fehlt etwas?“, fragte Kommissar Helbig und unterdrückte eine aufkommende Übelkeit.
„Soweit wir erkennen können nicht! Aber Genaueres werden wir erst wissen, wenn wir Bernd Altdorf, den Ehemann der Toten, befragen können!“
Pia stand mit dem Rücken zur Spurensicherung und zu ihrem Chef Helbig am Wasser und rührte sich nicht.
Helbig kam auf sie zu. „Na, Sie sind doch jetzt auch schon zwei Jahre dabei! Da haben Sie doch schon Schlimmeres als ein Frau mit einem Eispickel in der Stirn gesehen!“
Pia nickte. „Aber ich kannte sie vom Triathlon! Reich, aber sehr nett!“
„Tut mir leid!“ Helbig machte ein neugieriges Gesicht. „Ja und?“
Pia winkte ab. „So gut kannte ich sie nun auch nicht!“ Sie deutete auf den Notarztwagen der Feuerwehr. „Die Putzfrau, eine Delia Selic, hat die Leiche gefunden und sitzt mit einem Schock dort drin! Sie ist noch nicht vernehmungsfähig!“
„Na dann, sehe ich mir ein wenig die Gegend an!“
Helbig lief die Straße entlang - ein Ring, der alle Häuser der Insel miteinander verband. Die Mischung aus unfertigen Vorgärten und verwilderten Grundstücken, aus exzentrischen Neubauten und Jugendstilvillen, die zu Zeiten der Mauer als Kinderheim oder Erholungsstätte gedient hatten, zeugte vom Umbruch auf der Insel. In zehn Jahren würden die Reichen einen unüberwindbaren Zaun um die Insel gezogen haben. Manchmal wünschte sich Helbig das alte Westberlin zurück. Einbrecher wurden sicherlich von den Millionenobjekten angelockt, doch in diesem Fall sah es nicht nach einem Raubmord aus. Auf den ersten Blick jedenfalls fehlte nichts, alles schien an seinem Platz.

Endlich war Delia ansprechbar und berichtete, dass der Hausherr schon seit zwei Wochen in Brasilien weilte und erst nächste Woche zurückkehren wollte. Im Haus selbst war ihr nichts aufgefallen, nur dass das Bad verschlossen war, was sonst nie vorkam. Lisa Altdorf war auf dem Rasen vor dem Badfenster gefunden worden. Das Fenster stand offen, aber zum Springen war es zu hoch und Lisa war soweit unverletzt. Helbig machte sich dazu einige Notizen. Die Spurensicherung hatte einen Fußabdruck neben der Leiche gefunden und Fingerabdrücke auf dem Eispickel. Im Haus fiel eine professionell aussehende Bergsteigerausrüstung auf, die neben dem Bett lag und der Prospekt einer Kletterhalle in Schöneberg, außerdem fand Helbig die Visitenkarte des Opfers mit der Adresse ihrer Anwaltskanzlei. Das war schon eine Basis, dachte er.

„Niko Stark! Sie sind also der Eigentümer dieser Kletterhalle hier!“
Der hagere Mann, der Helbig an Louis Trenker erinnerte, stieß ein verächtliches Lachen aus. „Unter anderem! Mein lieber Mann, ich bin der aktuell bekannteste Expeditionsleiter in den Himalaja!“
Helbig brummte wie ein Bär und hob die Augenbrauen, was er immer tat, wenn er mit einer Information nichts anfangen konnte. Pia, die mit Begeisterung die verschiedenen Griffe und Schwierigkeitsgrade an den Kletterwänden angesehen hatte, rettete die Situation. „Sie sind es leibhaftig! Toll! Ich habe über Ihre K2-Tour letztes Jahr gelesen! Waren Sie auch oben?“
Stark stutzte und räusperte sich. „Nein, ich musste im Basislager die Fäden in der Hand behalten!“ Er ging ein paar Schritte in Richtung Ausgang. „Was wollen Sie eigentlich von mir?“
„Kannten Sie Lisa Altdorf?“
„Wieso kannten? Ist etwas mit ihr?“
„Sie wurde ermordet!“
Pia beobachtete, wie sich Starks Hals mit roten Flecken überzog. „Gestern war sie noch hier! Eine tolle Bergsteigerin! Ich wollte sie mit zur Annapurna mitnehmen!“
Wieder standen Fragezeichen in Helbigs Augen.
„Ist ein gefährlicher Achttausender!“, erläuterte Pia.
„Kannten Sie das Opfer näher?“, fragte Helbig kühl.
„Ja! Ich bin ein Freund der Familie! Mein Gott! Weiß es Bernd schon? Also ihr Ehemann?“
„Nein, wir können Ihn nicht erreichen! Er ist wohl in Brasilien!“
Stark tat, als erinnere er sich plötzlich. „Ja, Lisa sagte so etwas! Das wird ein Schock für ihn! Sie ist, äh, war sein Ein und Alles!“
„Ist Ihnen etwas an Lisa Altdorf aufgefallen, was uns weiterhelfen könnte?“
Stark berichtete von dem Vorfall mit Lars. „Nein so etwas! Da bringt er sie gleich um, unglaublich! Nur weil sie besser war als er!“
Helbig ließ sich die Adresse des Beschuldigten geben und schickte Pia einen bösen Blick, als diese das Angebot, einer kostenlosen Kletterstunde nicht gleich ablehnte.

Lars wohnte in Neukölln in einer schlecht renovierten Mietkaserne aus der Kaiserzeit. Pia und Helbig stapften die knarrenden Holztreppen hinauf bis in den dritten Stock. Auf der Tür klebte ein Zettel mit dem Namen des Mieters, Lars Kopinske. Lars öffnete, nachdem das Klopfen energischer geworden war. Er hatte ein verquollenes Gesicht und ungekämmte Haare.
Helbig sah sich in der Zweizimmerwohnung um. Das Einzige, was nicht schäbig wirkte, war die ordentlich sortierte Bergsteigerausrüstung auf dem Küchentisch.
„Wo waren Sie gestern nacht zwischen eins und drei Uhr?“
„In der Kneipe, im Bett! Ich weiß nicht mehr! Hörn Sie mal, Sie verarschen mich doch! Lisa ist bestimmt nicht ermordet worden!“
Helbig beobachtete jede Geste und die Mimik des Verdächtigen. Entweder war er ein guter Schauspieler oder seine Überraschung war echt. „Sie müssen leider mitkommen!“
Zwei uniformierte Polizisten nahmen Lars in die Mitte und führten ihn ab.

Helbig war müde. Seit zwei Stunden saß ihm dieser Lars gegenüber und leugnete, obwohl alle Indizien gegen ihn sprachen und ein Motiv hatte er auch.
„Wie erklären Sie Ihre Fingerabdrücke auf der Mordwaffe?“, fragte er ihn zum wiederholten Mal.
Lars fing an zu schluchzen. „Ich bin mit ihr zusammen geklettert, Mann! Wir haben vielleicht mal die Pickel getauscht, was weiß ich?“
„Warum haben Sie Lisa Altdorf gestern Abend bedroht und beschimpft?“
„Verstehn Sie das nicht? Diese ganze blöde Expeditionsliste stand doch von vorneherein fest! Dieser Arsch, Niko will doch nur an ihr Geld!“
Als Pia durch die Büroscheibe blickte und ein Zeichen gab, schickte Helbig Lars zurück in die Zelle.
„Das ist interessant! Dieser Lisa Altdorf gehörte alles, das Haus und so weiter! Sie hatte Gütertrennung mit ihrem Mann und wollte sich scheiden lassen! Das hat mir ihre Kollegin aus der Anwaltskanzlei erzählt!“
Helbig lächelte Pia anerkennend an. „Gut gemacht! Dann hätte der Nutznießer des Testaments auch ein Motiv! Kommen Sie, ich lade Sie zum Italiener gegenüber ein!“
Pia stocherte in ihrem Thunfischsalat herum. „Ich bin zwar müde, aber die Handyüberprüfung von Bernd Altdorf werde ich heute noch veranlassen!“
Helbig fuhr sich mit Handrücken über den fettigen Mund. Er hatte in Rekordzeit eine Riesenportion Spaghetti Carbonara verputzt. „Tun Sie das!“, antwortete er träge.

Als Helbig am nächsten Morgen das Büro betrat, empfing ihn eine übernächtigte, aber sichtlich zufriedene Pia. Die Nachverfolgung der Handy-Telefonate von Altdorf hatte etwas Erstaunliches ergeben. Unter anderem, dass er am Abend vor dem Mord mit Niko Stark telefoniert hatte. Pia hatte Stark bereits zur Rede gestellt und kannte den Inhalt des Telefonats.
„Mein Gott! Sie sind ja übereifrig!“, scherzte Helbig und zog seine Jacke wieder an. „Na dann fahren wir gleich mal ins Adlon!“
Vor dem Hotel parkte ein Rollce Royce Silvershadow, der Helbigs Aufmerksamkeit für eine Sekunde in Anspruch nahm.
Am Eingang stellte sich ihnen ein Mann in Frack und Zylinder in den Weg. „Kann ich Ihnen helfen?“ Der Hoteldiener hatte sofort erkannt, dass der Mann in der unmodischen Windjacke und dessen sportlich gekleidete Begleitung kaum zur Zielgruppe des Luxushotels gehörten. Helbig zückte wortlos den Polizeiausweis und wurde ebenso wortlos durchgelassen.
Der Portier an der Rezeption erkannte Bernd Altdorf auf dem Foto sofort. Allerdings war dieser unter falschem Namen und in Begleitung einer Dame, die er als seine Ehefrau ausgegeben hatte, hier abgestiegen. Helbig und Pia gingen mit einem Hoteldiener über bunte Perserteppiche, und Marmortreppen, vorbei an wertvollen Ölgemälden zur Suite des Gesuchten. Altdorf öffnete und wurde blass vor Erstaunen darüber, dass er der Polizei gegenüberstand. „Ich bin doch…!“, begann er.
„In Brasilien?“, schmunzelte Helbig. „Das sehe ich!“
Altdorf brach nach der Nachricht über den Tod seiner Frau in lautes Gejammer aus.
„Wo waren Sie in der Nach vom 5. auf den 6. Juni?“, fragte Helbig ungerührt.
Altdorf tat entrüstet und verlangte nach einem Anwalt.
„Ich gehöre nicht dazu!“, sagte eine junge Blondine aus dem Nebenzimmer kommend.
Bei der Frau handelte es sich um eine Dame vom Begleitservice. Bei der Durchsuchung der Suite wurde das Bergsteigerseil gefunden, mit dem sich Lisa in der Mordnacht aus dem Bad geflüchtet hatte.
Auf dem Revier verweigerte Altdorf jede Aussage. Helbig und Pia wechselten sich beim Verhör ab. Altdorf fühlte sich sicher, denn er hatte der Begleitdame eine hohe Summe für ein Alibi geboten.
Pia kam aus dem Nebenzimmer. „Ihre Freundin hat eben bestätigt, dass Sie zur Tatzeit nicht im Hotel waren!“
Bernd Altdorf erstarrte, schwieg aber weiter.
Helbig zog den letzten Trumpf. „Sie wussten von ihrem Freund Niko Stark von dem Streit mit Lars Kowalske! Vielleicht hatten Sie gehofft, Ihre Frau an der Annapurna loszuwerden! Eine gewisse Wahrscheinlichkeit gibt es da ja wohl! Aber sie war als Bergsteigerin besser als Sie gehofft hatten. Auch das wussten Sie von Niko! Also ergriffen Sie den Streit als günstige Gelegenheit! Zu dumm, dass Ihre Handy-Telefonate nie von einem brasilianischen Satelliten gesendet wurden! Aber warum, zum Teufel, haben Sie das Seil mitgenommen?“
„Das hätte ich diesem Idioten Kowalske auch noch untergejubelt!“, zischte Bernd Altdorf.
„Ich bedanke mich!“, sagte Helbig freundlich. Endlich Feierabend.
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