Kissenkino (Berliner Mundart)

TomohneJerry
Kissenkino
(Berliner Mundart)


von Thomas Stefan


Irgendwo in einem Mietshaus in Berlin-Neukölln. Für die Unkundigen: Viele enge Straßen mit Häuserschluchten, 5, 6, 7-stöckig. In dem Haus, mit dem wir uns beschäftigen werden, wohnt ein Rentnerehepaar, Ella und Paul, so um die Siebzig. Paul erinnert entfernt an Ekel Alfred, trägt meist Unterhemd und Hosenträger, dicke Brillengläser. Und Ella ist mehr breit als groß, dunkle Lockenperücke, Hosenanzug, darüber die Kittelschürze.

Paule macht es sich so richtig gemütlich, will sagen: Fenster auf, Kissen auf die Fensterbank, Arme verschränken, drauflegen, rausgucken aus dem 4.Stock. Einfach schön.

Menschen gehen vorbei, bleiben stehen, quatschen. Ein Junge pisst an die gegenüberliegende Hauswand, das darüber befindliche Fenster wird aufgerissen, eine Frau droht, der Junge rennt weg, schließt im Laufen alles wieder gut weg. Mindestens fünf Hunde scheißen um die Wette, legen ihre Haufen am Rand des Bürgersteigs ab, während eine Mutter schimpfend ihrer Tochter die verkackten Schuhe mit Tempotüchern reinigt, da das Mädchen aus einem Auto aussteigend zielsicher einen Haufen getroffen hatte. Und Mahmut aus dem 7.Stock wäscht wie immer seinen Ford Capri vor der Haustür, direkt unter Pauls Fenster, und hält dabei ständig sein Handy an Ohr.

„So Paul, nu mach Dir ma hier nich so dicke, ick will ja ooch noch wat ham vom Tach.“ Und schon knallt ein weiteres Kissen auf den Fensterrahmen. Ella erscheint, nimmt den Platz ein, der Ihr zusteht, breitet die Ellbogen aus. Paul rückt mißmutig an die Seite. Jetzt glotzen beide aus dem Fenster, Taubenschwärme flattern durch die Straße, setzen sich auf Vorsprünge und Nischen der Häuser, kacken wie immer alles voll. Eine alte Frau schleppt sich übers Trottoir, bleibt stehen, schüttet aus einer Plastiktüte Brotkrumen auf den Gehweg, ist sofort umlagert von jeder Menge Tauben. Ein Mann von gegenüber brüllt: „Taubenfüttern verboten!“ Es kümmert sie nicht.

Ella und Paul genießen die Großstadtidylle.

„Wat soll ick sagen, Paule, et war einfach zu ville, einfach zu vill. Ick habs ja gleich jewußt, de vierte Bullette wollte ja janich mehr reinjehn, aber dann doch, es musste sein, und nu is jut, jetzt is Sense mit de Fresserei.“

Paul gibt sich Mühe, gar nicht hinzuhören, schaut interessiert zu, wie ein Hund einen anderen bespringt, daneben zwei Jungs, die das alles ganz aus der Nähe betrachten. Ella bringt sich mit einem tiefen Rülpser in Erinnerung. „So, jetzt is mir wohler, man is ja so unvernünftig. Wat solls, `Rut wat keen Zins bringt´, sachte mein Vadder immer.“

Mißmutig führt Paul die Bierflasche zum Mund. „Ach Paule, det is ne jute Idee, sei doch so jut und hol mir ooch eene.“ Und Paul stellt die Flasche ab und wankt in die Küche. “Aber nich so pisswarm wie Deins, Paule, aussem Kühlschrank, mein Juter.“ Paul erscheint mit der Flasche, sie reicht ihm seine inzwischen geleerte. „Sei so jut, bring se raus, ich kanns nich leiden, wenn leere Sachen hier rumstehen. Aber nich noch ne Flasche, hörste Paul, is nich jut für Dich.“

Paul gehorcht, kommt aus der Küche zurück, sieht mit Widerwillen, wie Ella beim Blick nach draußen sich den Bauch auf dem Fensterbrett reibt, dabei wohlig stöhnend. „Ja, so isses bessa, diese verdammten Bulletten, schmecken ja jut, aber wat zuviel is, is zuviel.“ Schließlich bricht der erlösende Furz hervor. „Jawoll, dat tat jut, jetzt jehts mir wieda, dat Ding saß quer.“ Ella blickt zufrieden nach rechts und links. „Wat sein muß, muß sein, und is´ ooch ejal, kann doch keenen störn, wir sind ja anner frischen Luft.“

Paul ist unschlüssig, ob er noch an seinen angestammten Platz zurück will. Ella schaut zu ihm ins Zimmer. „Na, mein Jutster, nu komm doch, is doch heut so scheen, kieken wa beede inne Jejend, aber, watte mal, wo de da grade so stehst, bring mir doch mal nen Zahnstocher aus de Küche, is mal wieder nötig.“ Paul will die Zahnstocher holen. „Bring mir ooch noch ma schnell de Zahnbürste, jetz bloß keene halben Sachen“, ruft sie hinterher, Paul bringt beides.

So liegen sie nun endlich wieder vereint im Fensterrahmen, von der Nachmittagssonne beschienen, so ein Kissenkino entschädigt doch für vieles.

Der Zahnstocher bewirkt nicht genug, Ella nimmt die Prothese heraus, bürstet sie, klopft sie an der Hauswand aus. Plötzlich entgleitet sie ihr, fällt hinunter auf einen kleinen Mauervorsprung, von dem sich erschreckt einige Tauben erheben und wegflattern. „Scheisse, Paul, dat durfte nich passieren.“ Beide beugen sich über den Fensterrand, starren auf das Gebiß.

„Dit jeht noch, Paule, det kriegen wa hin. Hol mir mal den Tritt ausse Speisekammer, los doch, worauf wartest de, muß ick denn imma allet alleene machen?“ Paul wankt los, kommt mit der Fußbank zurück.

„So, meen Bester, jetzt hältste mir am Jürtel - aber feste, hörste! - und ick lehn mir kurz aussem Fenster, mach nen langen Arm, und Schwuppdibupp is mein Speisezimmer wieda da, wo et hinjehört.“

Paul runzelt die Stirn. „Ella, ick wees nich, ob det nich zu jefährlich ...“

„Alter Schisser, Du wirst doch wohl ma Deine Alte halten können.“ Sie packt seine Hand, führt sie in ihren Hosenbund. „Na siehste, Paul, aber jut festhalten, sonst biste mich los, und det willste doch nich.“

Paul schaut sie überrascht an, sie bemerkt es garnicht, hat schon den Tritt ans Fenster geschupst, ist drauf gestiegen, legt sich ganz breit auf den Fensterrahmen, fingert nun nach unten Richtung Mauervorsprung. „Nochn bisken, Paule,“ ruft sie gepresst, „ aber festhalten.“ Paul stemmt sich gegen die Wand, 100 Kilo Last wollen gesichert sein. „Nochn Stück, Paule, bisher hab ick nur Taubenkacke inne Hand,“ stöhnt Ella, und die Anschlagsnippel der Fensterflügel bohren sich tief in ihren Bauch. Zwangsweise löst sich wieder ein Schwall Blähungen. „Paule, tut leid, aber de Bulletten, weeste. Kannste noch halten?“

Paul starrt mühsam beherrscht auf den Hintern seiner Frau, umnebelt vom Geruch fauler Eier. Der Griff seiner Hand beginnt sich zu lockern, wie von selbst. In dem Augenblick, wo er bereit ist, die Hand ganz zu lösen - rutscht sie wieder zurück ins Zimmer.

„Es jeht nich, mein Jutster, meine Arme sind zu kurz,“ stöhnt Ella, und wischt sich die Hände an der Schürze ab..

Dann blickt sie ihn an. „Es hilft nichts, Paul, Du mit Deine Krakenarme, Du schaffst det.“ Und eh er sich versieht, schiebt sich ihn auf den Tritt, faßt mit eisernem Griff sein Hosenbund. Sie klopft ihm nochmal beruhigend auf die Schulter und drückt ihn, bevor er protestieren kann, über Fensteröffnung und -sims hinaus. Er hält sich krampfhaft mit der Linken am Rahmen fest, während er mit der Rechten in Richtung Gebiß greift, aber es reicht nicht. „Paul, ick hab Dir, keene Sorge, laß hier oben los, sonst reicht es nich.“

Paul gibt nach und tastet nun mit beiden Händen nach dem Gebiß. Er erreicht es mit kotverschmierten Fingern. „Ick hab es, Ella,“ presst er hervor, „los, zieh ma wieda hoch.“


Version 1:

In diesem Moment schiebt sie den Tritt beiseite und löst ihre Hand von seinem Hosenbund. Pauls Füsse zappeln kurz im Fensterrahmen, und dann ist er weg. Nach wenigen Sekunden hört man einen dumpfen Aufschlag.

Ella schaut vorsichtig aus dem Fenster nach unten. Ihr Mann liegt auf dem verbeulten Dach des Ford Capri. Mahmut, der ständig mit dem Handy telefoniert hat, schaut fassungslos auf seinen Wagen. Unter Pauls Kopf breitet sich schnell eine große Blutlache aus, der Blick der Augen ist gebrochen.

„Nüscht für unjut, Mahmut, der Mann war ungeschickt, ick wees,“ ruft ihm Ella von oben zu. „Sei so jut, ruf doch ma schnell de 110 an, Polizei und so, Du weest schon, wat ick meine. Und schau bitte ma nach, Paul hat da wat von mir inner Hand, kannst Du mir dat gleich nach oben bringen, ick kann heut nich so, hab mir den Magen verrenkt. Danke, Mahmut, Du bist ein Schatz.“


Version 2:

Paul wartet, aber es passiert nichts. Die Sekunden vergehen. „Ella, bist noch da? Nun zieh ma endlich wieda hoch.“

„Du, Paul, ick hatte da vorhin so nen komischet Jefühl, wolltste mir nicht mehr hochziehen?“

„Quatsch, Ella, bitte, hol mir hoch.“

„Paul, ick hab nen jutes Jespür für sowat. Du hast jezögert.“

„Ella, bitte, ick häng hier schon so lange, zieh ma hoch.“

Es tut sich nichts. Sie ruckelt etwas an seinem Hosenbund, korrigiert ihren Stand, langsam zieht es ihr im Rücken. „Paul, sei ehrlich, liebste mir eijentlich noch?“

„Ella, wat soll dit, natürlich, det weeste doch.“

Ella massiert sich den Arm. „Paul, dat mußte mir schwörn.“

„Wenn De willst, denn schwöre ick, bei allem wat ma heilig is, aber bitte, zieh ma ruff.“

Nach elend langen Sekunden. „Paul, reich ma dat Jebiß hoch.“

Paul will es versuchen, hält aber ein. „Erst zieh ma hoch, los Ella, ick kann bald nich mehr.“

„Paul, gib ma dat Jebiß.“

“Nee, nee, auf keinen Fall, ick bin doch nich blöd.“
Hilflos versucht Paul, mit seinen kotverschmierten Fingern irgendwo anders Halt zu finden.

„Paul, ick warte.“

„Ella, ick lieb Dir, so wie De bist, aber Dein Jebiß, det bekommste erst oben inne Stube. Un jetzt hol ma ruff.“

Ella beginnt etwas zu stöhnen, langsam wird er ihr zu schwer, und wieder gehen Blähungen ab.
„Na schön, Paule, ick zieh Dir jetzt hoch.“

Sie steigt auf den Tritt, um ihn mit beiden Händen zu fassen, beugt sich etwas nach vorn. Die Fußbank rutscht unter ihren Gewicht nach hinten weg. Ein kurzer Schrei, erst sieht man seine Füße im Fensterrahmen baumeln, es folgen ihre, und dann sind Paul und Ella weg. Nach wenigen Sekunden hört man den Aufschlag.

Beide liegen auf dem verbeulten Dach des Ford Capri, schnell bildet sich unter ihnen eine gemeinsame Blutlache, die Augen blicken gebrochen.

Mahmut schaut erst völlig fassungslos auf seinen Wagen, dann wählt er. „Ja, is Notfall, mußt sofort kommen, Recep, am besten mit Hänger. Müssen aber erst so komische Leute abkratzen, vom Dach. Mach mir guten Preis, hörst Du? GüleGüle.“

[ Editiert von TomohneJerry am 02.09.08 20:43 ]

[ Editiert von TomohneJerry am 02.09.08 20:44 ]
KarinR
Das ist prima zu lesen, Kissenkino gibt's auch hier bei uns im Pott, kann böse-böse enden wie in Deiner Geschichte. Version II ist natürlich besser, Rosenkrieg in Berlin, klatsch, da liegen sie. Gefällt mir, wie Du den Dialekt herüber bringst, die Charaktere sind Originale, Gruß zum Sonntag, Karin
Midge
Guten Morgen Thomas!

Gefällt mir auch. Trotz Dialekt gut zu lesen und irgendwie so richtig "typisch" dargestellt. Bei uns nennt man so Leute "Ellebogeliesbeth" - aber das nur am Rande!
Und bitte Version 2....

schönen Sonntag wünscht Martina
TomohneJerry
Hallo Karin, hallo Martina! Schönen Sonntag!
Danke fürs Lesen, schön, dass es Euch gefallen hat.
Man könnte das Ganze sicher auch gut nach Köln transportieren, mir schweben da z.B. Leute wie Hallervorden u. Trude Herr vor. Aber ich als berliner Kind, aufgewachsen in Neukölln, bleibe natürlich in dem Sprachmilieu, das ich kenne.
Diese Leute mit dem Kissen im Fenster haben wir früher Sehleute genannt, sie schauten den ganzen Tag.
Besonderen Spaß macht es mir, die Geschichte vorzulesen, das Berlinern hab ich noch ganz gut drauf. Im kleinen Kreis wars bisher immer eine große Gaudi, sogar hier in Norddeutschland.
Schöne Grüße, Thomas
Aramesh
Hallo lieber Tom,

ich habe mich köstlich über deine Geschichte amüsiert. Die Tomsche Leichtigkeit lächelte mir aus jeder Zeile entgegen. Oh Mann, es wurde so viel gebläht, dass ich es fast riechen konnte.

Beide Varianten deiner Geschichte gefielen mir gut. Eigentlich fehlt nur noch Nr. 3: Frau Blähfurz stürzt allein aus dem Fenster.
Lieben Dank fürs Lesen. Ich hatte Kopfschmerzen - und nun sind sie weg.

Herzlichst
Aramesh
TomohneJerry
Hallo Barbara!
Danke fürs Lesen, ich freue mich, dass Du etwas Spaß hattest mit meinem skurrilen berliner Paar.;):D
Schönen Abend, Thomas
uwe hartig
Das hat mir sehr gut gefallen. Eine schöne Story und ganz nah dran am wahren Leben.

Liebe Grüße

Uwe

[ Editiert von uwe hartig am 14.08.08 0:34 ]
TomohneJerry
Hallo Uwe!
Danke für die Zustimmung. Ob es solche Leute gibt? Meine Mutter hat es mir jedenfalls bestätigt.;)
Gruß, Tom
mande
Ja, Tom.
Da wir uns vor einiger Zeit die Filmserie ´Ein Mann will nach oben´, nach dem Roman von Fallade uns aus Deutschland haben bestellt, ich konnte ganz gut das berliner Dialekt verstehen.
Ja, mein Humor ist zwar ein wenig anders gelagert, wie hier in deine Geschichte, dennoch hat sie mir gefallen, weil
Paule und Ella ´echt´ wirkten.
´Die Charaktere sind Originale´, wie es Karin sagte. Wie nennt man Menschen, die keine ´Originale´ nicht sind. Pappkameraden?:)
Den Ausblick, den ich mit den beiden geniessen durfte, ja neustädtischromantisch, doch ziehe mich wieder gerne in Wald, Feld und Wiese zurück!:)
Mit Grüssen,

Mande
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Tratsch im Treppenhaus, hält die Wohngemeinschaft zusammen.
(Mande)

[ Editiert von mande am 30.08.08 9:54 ]
TomohneJerry
Hallo Mande!
Danke fürs Lesen und die Zustimmung.
Ich hatte eine zweite hochdeutsche Fassung geschrieben, aber meine Frau meinte, das wäre unnötig, man kann alles gut verstehen.
Abschließend: Ich glaube, ich würde mich auch trauen, das Kissenkino einmal auf einer (kleinen!!) Lesung vorzutragen.
Gruß, Thomas
Gemini
Hallo Tom, nur eine kleine Anmerkung zur netten Geschichte:
Dass Ella ihre Zähne los ist, solltest Du beim Schreiben berücksichtigen. Da ist dann nichts mehr mit: "Nix für ungut." - ein nüscht würde sie vielleicht noch hinbekommen, also, lass sie ohne Zähne berlinern und nuscheln, dann passt es.
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