Überraschung im Advent
(c) Martina Decker
Seit fünf Jahren arbeitet Karl Liebig im Weihnachtspostamt seiner Heimatstadt Nürnberg.
Er liest und beantwortet die Briefe, die Kinder aus ganz Deutschland an das Christkind geschrieben haben und die Arbeit macht ihm von Anfang an sehr viel Freude.
Oft sind die Briefe liebevoll bemalt und verziert und enthalten lange Listen von Wünschen.
Manchmal aber steckt noch viel mehr dahinter als der Wunsch nach einer neuen Puppe oder einem ferngesteuerten Rennauto.
Verstohlen wischt Karl Liebig sich über die Augen. Seine Hand zittert, als er den Brief des kleinen Niklas noch einmal liest.
„Liebes Christkind!“ schreibt er in ungelenker Kinderschrift.
„Papa sagt, ich bin eigentlich schon viel zu groß, um dir schreiben. Im Januar werde ich nämlich schon acht Jahre alt. Und meine Freunde in der Schule sagen, es gibt dich gar nicht.
Aber wenn es dich nicht gibt, dann weiß ich niemanden, der mir helfen kann.“
An dieser Stelle ist die Tinte ein wenig verwischt. Fast sieht es aus, als ob ein Tropfen aufs Papier gefallen war. Ob der Junge geweint hatte?
„Vor drei Wochen ist meine Oma Heidi gestorben. Ich habe sie ganz doll lieb gehabt und vermisse sie schrecklich. Letztes Jahr hat Oma um diese Zeit jeden Tag mit mir Plätzchen gebacken und mir dabei wunderschöne Geschichten erzählt. Meine Mama kann keine Plätzchen backen. Die verbrennen immer und schmecken eklig. Außerdem hat sie auch keine Zeit. Immer muss sie meinem kleinen Bruder helfen. Simon kann noch nicht laufen und nicht alleine essen. Er macht noch in die Windeln und schreit ganz oft.
Ich vermisse meine Oma so sehr. Bitte, liebes Christkind, kannst du nicht machen, dass Oma Heidi wieder zurück kommt?
Viele Grüße dein Niklas
„So ein trauriger, kleiner Kerl“ denkt Karl. "Was soll ich ihm nur antworten? Oma Heidi wieder zurück zu bringen, geht ja nun wirklich nicht."
Nachdenklich steckt er Niklas` Brief in seine Westentasche. Auf dem Tisch liegen noch viele Briefe. Karl muss sich jetzt ein bisschen sputen. Bis zum Weihnachtsfest sind es noch drei Wochen. Spätestens dann muss jedes Kind eine Antwort erhalten haben.
Als Karl nach Hause kommt, ist es bereits dunkel. Dicke Schneeflocken treiben im Wind und überziehen Wege und Strassen mit einer weißen Decke.
Karl zieht im Flur die nassen Schuhe aus und macht sich fröstelnd in der Küche einen Tee. Müde setzt er sich an seinen Küchentisch und holt den Brief von Niklas hervor.
„Wie kann ich dir bloß helfen?“ murmelt Karl. Dabei dreht und wendet er den Brief gedankenverloren.
Zufällig fällt sein Blick auf das Absenderfeld „Schumannstrasse 84“ liest Karl und ein Lächeln zieht über sein Gesicht.
„Ja, das könnte eine Möglichkeit sein…“
Niklas schaut traurig zum Fenster hinaus. Nicht einmal der einsetzende Schneefall kann ihn fröhlich stimmen. Ob das Christkind seinen Brief schon bekommen hat? Vor einer Woche hatte er den Brief eingeworfen, aber noch keine Antwort erhalten.
„Bestimmt haben die anderen Recht! Es gibt gar kein Christkind und Wünsche gehen schon mal gar nicht in Erfüllung. Papa sagt immer: Wünschen ist Humbug. Wer was haben will, muss dafür etwas tun.“
Niklas schnieft und will sich gerade vom Fenster abwenden, als unten im Hof das Tor geöffnet wird. Eine alte Dame schaut sich suchend um. Sie trägt einen langen, grauen Mantel und auf ihrem Kopf sitzt ein Hut.
„Oma Heidi?“ flüstert Niklas und schüttelt sogleich den Kopf. Oma Heidi hatte zwar so einen Mantel, aber mit so einem komischen Hut wäre sie niemals herumgelaufen.
In diesem Moment ertönt die Türglocke. Niklas hört, wie Mama und die fremde Frau miteinander reden.
„Ach bitte, kommen Sie doch einen Moment herein“ hört er Mama sagen.
Dann gehen die beiden in die Küche. Dort ist es wohlig warm und da hat Simon sein Laufställchen stehen.
„Komisch! Simon schreit gar nicht“ fällt Niklas auf.
Dann ruft Mama nach ihm. Zögernd geht er nach unten.
„Niklas! Schau mal, dies ist Frau Gerber.“
Warum schaut Mama ihn so seltsam an?
Die Frau streckt Niklas ihre Hand entgegen und lächelt ihn an.
„Hallo Niklas! Ich soll dich ganz lieb vom Christkind grüßen. Leider kann es dir nicht Deine Oma Heidi zurück bringen. Darum hat es mich geschickt. Auch ich habe vor einigen Monaten einen geliebten Menschen verloren. Mein Mann starb im August und seit dem bin ich ganz alleine. Ich möchte sehr gerne mit dir Plätzchen backen und dir Geschichten erzählen.“
Niklas kann es nicht glauben. Seine Augen leuchten vor Glück. Er bringt vor Aufregung kein Wort heraus und nickt nur stumm.
„Na, fein!“ sagt Frau Gerber und schaut Niklas an.
Dann geht ihr Blick zu Niklas Mama.
„Danke, dass Sie es erlauben.“
Etwas umständlich erhebt sie sich von ihrem Platz.
„Bis morgen also“ sagt Frau Gerber und setzt mit einem Augenzwinkern hinzu:
„Jetzt muss ich aber erst einmal wieder nach Hause und meinem Neffen von dieser wundersamen Begebenheit berichten.“
An der Tür nimmt sie Niklas fest in den Arm und drückt ihn herzlich.
„So hat Oma Heidi es auch immer gemacht“ geht es dem Jungen durch den Kopf. Glücklich schmiegt er sich an sie und flüstert:
„Danke!“
[ Editiert von Midge am 26.11.08 19:47 ]
[ Editiert von Midge am 09.12.08 12:36 ]
Hallo Martina,
hinter deiner Geschichte steckt ein schöne Idee, die mir gut gefällt, aber sprachlich finde ich die Geschichte nicht überzeugend umgesetzt. Auch einige Details stören mich.
Ich verstehe z.B. nicht, warum die Geschichte nicht im Präteritum geschrieben ist. Obwohl der Aufbau der Einleitung Dir diese Form praktisch vorgibt.
Niclas Naivität ist für einen Zehnjährigen unrealistisch. Mein Sohn bspw. wollte mir das mit dem Christkind leider schon nicht mehr während seiner Kindergartenzeit abnehmen, und meinte: "Nur doofe Babys glauben an so was." Ich war vielleicht enttäuscht, aber er hat gemeint, er würde sich trotzdem über die gefüllten Socken freuen. Soviel zu den Kindern unserer Zeit.
Du schreibst:"Verstohlen wischt Karl Liebig sich über die Augen. Seine Hand zittert, als er den Brief des kleinen Niklas noch einmal liest."
Abgesehen vom Tempus, kann ich diesem Karl die emotionale Reaktion nicht abnehmen. Es sei denn, er ist nervlich äußerst instabil. Betroffenheit wäre an dieser Stelle glaubhafter gewesen.
Nur so ein Idee von mir: Er schluckte, als er den Brief des kleinen Jungen noch einmal las. Nachdenklich ließ er die Seite mit der Kinderschrift sinken.
Oder die Situation als Niklas am Fenster steht, und die Ankunft von Frau Gerber beobachtet. Ich denke Zehnjährige wissen z.B. aus dem Reli-Unterricht, das Tote nicht zurück kehren.
Wie wäre es, wenn Niklas jünger wäre und seine ältere Schwester den Brief für ihn geschrieben hätte? Sie hätte so tun können, als glaube sie noch ans Christkind. Tun Erwachsene schließlich doch auch.
Thematisch hat mir die Geschichte gut gefallen, ich würde die Story aber überarbeiten, auch im Hinblick auf die verwendete Zeitform.
Ich hoffe meine Kritik war anregend.
Liebe Grüße Sorana
Hab was ich Dir gestern schrieb noch ergänzt.
[ Editiert von Sorana am 24.11.08 8:54 ]
Hallo Sorana!
Kritik ist meistens anregend - seltener auch mal aufregend :D
Danke für Deinen Kommentar - werde ihn bei Gelegenheit Punkt für Punkt noch mal durchgehen und dann den Text ggf. überarbeiten.
Ob Niklas noch dran glaubt oder nicht, dieser Brief ist sein letzter Strohhalm - vielleicht ja doch???? Und wenn nicht, dann liest es vielleicht jemand anders....
Aber egal --- da muss ich deutlicher werden:rolleyes:
Vielen Dank und liebe Grüße
Martina
Liebe Martina,
mir gefällt deine Geschichte gut, auch dass du sie im Präsens geschrieben hast.
Das gibt mir das Gefühl, direkt dabei zu sein.
Mich stört allerdings das Alter von Niclas. Doch die Umsetzung dürfte kein Problem sein.
Mache ihn doch zwei oder drei Jahre jünger. So einen Brief hätte er auch als Siebenjähriger schreiben können.
Dann wird es stimmiger.
Herzliche Grüße
Aramesh
Hallo Barbara!
Danke für die Zustimmung zum Präsens - da war ich ja bei Sorana gar nicht drauf eingegangen:rolleyes: - habe wirklich gestern und heute mehrmals gegrübelt, ob eine KG unbedingt im Präteritum geschrieben sein sollte....
Wenn ich wieder Zeit habe, gehe ich noch mal ans Editieren. Niklas wird dann vermutlich sieben Jahre alt sein und....
Liebe Grüße
Martina