Das Geschützwesen im späten Mittelalter / der frühen Neuzeit. (Teil 1)
Geschütze, die sich auf die Kraft des Schießpulvers statt auf mechanische Kraft wie in Form von starken Gegengewichten oder auf eine Spannkraft zum Werfen eines Geschosses verlassen, sind schon recht früh bekannt.
Erst Anfang des 16. Jahrhunderts erlebte das Geschützwesen jedoch eine bedeutende Veränderung als unter anderem Kaiser Maximilian I hier Ordnung in das Geschützwesen brachte.
Zuvor war das Geschützwesen an sich zwar schon immer mehr von Bedeutung, erlangte sogar auch immer mehr Bedeutung bei Feldschlachten und nicht nur bei Belagerungen, allerdings herrschte hier das reinste Chaos! Bei sagen wir mal 100 Geschützen konnte man von Glück reden, wenn mehr als 5 Geschütze das selbe Kaliber besaßen oder zumindest sich hier so nahe waren, dass sie dasselbe Geschoss benutzen konnten. So was war natürlich ein logistischer Alptraum in jeder Hinsicht und machte die Versorgung nahezu unmöglich.
Definition
Ab wann zählt eine Schusswaffe als Geschütz?
Die Definition war Anfangs recht umstritten, doch einigte man sich auf die folgende allgemeine Definition:
Alles was ein Mann alleine mit seiner eigenen Muskelkraft tragen, bedienen und abfeuern kann zählt zu Handfeuerwaffen.
Demzufolge zählt alles, was ein Mann nicht mehr alleine tragen, bedienen und abfeuern kann als Geschütz.
Die Kombination aller 3 Bestandteile, also des Transportes, der Bedienung und der Schussabgabe ist hier von Bedeutung und großer Wichtigkeit hinsichtlich der Einteilung.
Ein starker Mann ist zum Beispiel durchaus in der Lage ein kleines Geschütz von sagen wir mal 20kg auch auf einer größeren Entfernung alleine zu tragen. Eventuell kann er es auch noch alleine laden und Schussfertig machen, aber mit Sicherheit kann er alleine mit dieser Waffe keinen Schuss abgeben, besonders keinerlei gezielten Schuss, wenn ihn der Rückstoss und die Kräfte des Schusses allgemein nicht umwerfen oder ernsthaft verletzen.
Herstellung
Die ersten Geschütze wurden beider Herstellung mit 2 verschiedenen Verfahren produziert. Zunächst einmal kam hier die Glockengießerei zum tragen, sprich die Geschütze wurden mit der gleichen Methode wie eine große Glocke gegossen. Dem entsprechend sahen diese Geschütze auch wie eine Glocke aus und hatten einen großen Innendurchmesser des Rohres. Die Wandstärke des Rohres war allerdings recht dünn, was bei der Bedienung gefährlich werden konnte. Es gibt zahlreiche Bereichte in der Literatur, wo derartige Geschütze beim Schuss regelrecht explodierten, weil die Wandung durch den Gebrauch und der damals noch ungenauen Pulverberechnung für die Treibladung ermüdete oder von vornherein zu schwach war. Allmählich ging man dann dazu über, hier Verstärkungsringe ähnlich wie bei einem Fass drüber zu streifen, was die Stabilität der Wandung merklich erhöhte.
Die 2. Methode stammt direkt aus dem Fassbau und hier wurden wie durch einen Küfer bei der Produktion eines Fasses Rohre entsprechend hergestellt. Statt Holz für die Wandung wurden hier natürlich Metallstangen / Streifen verwendet und dann aber wie bei einem Fass mit den Ringen und der Kombination von Hitze und Feuchtigkeit eng miteinander verbunden.
Beide Methoden wurden hatten aber schon bedingt durch die Produktion Nachteile und waren sehr aufwendig, somit auch teuer. Ebenso war hier jeder kleinste Lufteinschluss beim Guss fatal und konnte ein Geschoss nicht mehr auch nur halbwegs zielgenau seine Bahn geben. Abgesehen davon konnte so ein Lufteinschluss auch die Stabilität der Wandung gefährlich vermindern.
Daher ging man letztlich dazu über, Rohre im Vollgussverfahren aus Zinnbronze herzustellen (manchmal auch mit einem Anteil an Messing dabei), einige Exoten oder Geschütze für besondere Positionen waren auch aus anderen Materialien hergestellt worden.
Zinnbronze hat den Vorteil, dass sie sehr robust und auch dehnfähig ist, was sie recht unempfindlich gegen Stöße und dergleichen bei Transporten macht. Weniger in diesen Dingen gefährdete Geschütze, die kaum bis gar nicht bewegt werden mussten – Schiffsgeschütze und Festungsartillerie – wurden aus Gusseisen hergestellt.
Egal aus welchem Material nun gegossen, nach dem Vollguss wurden die Rohre mittels Wasserkraft aufgebohrt und ihnen so ein gleich bleibendes Kaliber und präziseres Kaliber gegeben. So war es auch nun möglich eine größere Einheitlichkeit zu schaffen, was den Alptraum der früheren Munitionsversorgung beseitigte.
Kalibereinteilung
Die Kaliberangaben zu den Geschützen dieser Zeit ist eine ganz andere als es heutzutage der Fall ist, was schon aufgrund der Verwendung von Patronen logisch ist.
Offensichtlich ist die damalige Kalibernennung für uns heutzutage recht verwirrend oder zumindest gewöhnungsbedürftig, allerdings war sie damals auch zunächst recht chaotisch.
Das Hauptgeschoss zu der damaligen Zeit war die Vollkugel, zunächst nur aus Stein, später immer mehr verdrängt durch die Eisenkugel.
Alleine die unterschiedlichen Methoden der Kaliberdarstellung und ihrer Hintergründe würde einen eigenen Beitrag notwendig machen, daher beschränke ich mich hier auf das etwas später und bis zur Umstellung auf die Hinterladergeschütze gültige Messverfahren.
Anzumerken sei als Verdeutlichung hier nur der nominale und leicht verständliche Gewichtsunterschied zwischen einer Steinkugel, einer Eisenkugel und einer Bleikugel exakt gleicher Größe, denn die Gewichtsangabe in Pfund ist hier entscheidend.
Entscheidend für die einheitliche Festlegung von Maßen war hier die Erfindung des Kaliberstabes durch den Nürnberger Georg Hartmann um das Jahr 1540. Mittels dieses Stabes konnte man den Durchmesser aller Geschossmaterialien ermitteln und sie waren entsprechend in Nürnberger Zoll (1 Zoll = 24,3cm) und in Nürnberger Pfund (1 Pfund = 0,51kg) eingerissen. Diese Einteilung war eigentlich bis zum Ende der Vorderladerwaffen in ganz Europa gültig, wenn auch mit kleinen Abweichungen zwischen den Nationen (die eben die einheitliche Klassifizierung erschweren).
Grundsätzlich erfolgte hier eine strikte Trennung zwischen Wurfgeschützen und Kanonen in der Kalibernennung. Alle Wurfgeschütze, also vornehmlich die Mörser erhielten eine Angabe in Zoll bezüglich des Rohrinnendurchmessers, während die Kanonen alle eine Angabe in Pfund hinsichtlich des Geschossgewichtes bekamen.
Achtung! Diese Einteilung ist nur für Geschütze und nicht für Handfeuerwaffen! Hier erfolgte Zwar auch eine Einteilung nach Gewicht, allerdings zählte hier, wie viele Kugeln mit entsprechendem Durchmesser aus einem Pfund Blei gegossen werden konnten!
Ist also die Rede von einem 5 Zoll Mörser, so handelt es sich um ein Wurfgeschütz, welches einen Innendurchmesser des Rohres von fast einem Meter hat! Bei einem 24 Pfünder handelt es sich hingegen um ein Geschütz, dessen Eisenkugel ungefähr 12kg wiegt.
Lafetten
Entscheidend für die Entwicklung des Geschützwesens zu einer schlagkräftigen Waffengattung war die Entwicklung der Lafetten, also der Lagerung des Rohres. Zu Anfang waren alle Geschütze eine reine Liegewaffe. Das bedeutet, das Rohr wurde mittels Ochsenkarren an ort und Stelle transportiert und dann mit Holzplanken, Seilen und Erdarbeiten in einem gewünschten Winkel starr schussbereit gemacht. Diese Methode eignete sich logischer Weise nur für Belagerungen, wo man mit dieser Methode eine bestimmte Stelle in der gegnerischen Umwallung durch Dauerbeschuss durchbrechen wollte. Das sie somit vollkommen unflexible war, ergibt sich von selbst.
Die nächste Steigerung oder Verbesserung war die Benutzung von schweren Holzkästen für diese Liegegeschütze, in welche das Rohr einbettet und ebenfalls fest verschnürt wurde. Dieses erleichterte die Positionierung erheblich, war aber immer noch unflexibel hinsichtlich der Zielaufnahme. Daraufhin wurden diese Kästen mit 2 oder 3 Achsen versehen, an welche kleine Holzräder ähnlich der Schiffsgeschütze montiert waren. Dieses erlaubte eine größere Flexibilität beim Einsatz während einer Belagerung, war aber für den Feldeinsatz weiterhin vollkommen ungeeignet an sich (allerdings gab es hier bereits Feldschlachten, wo entsprechende Artillerie in festen Positionen eingesetzt wurden – mit dürftigem Erfolg und Einfluss auf die Schlacht.
Die wirkliche Verbesserung war der Einsatz der Wiegenlafetten in Kombination mit leichteren Rohren als zuvor, wobei allerdings mit verbesserten Lafetten auch die Rohre wieder größer schwerer wurden mit der Zeit.
Zu Anfang hatten die Geschützrohre keine Schildzapfen links und rechts am Rohr, welche eine Arretierung und Höhenverstellung zum Zielen ermöglichten. Dieses Manko wurde zwar schnell erkannt, allerdings behalf man sich zunächst damit, dass die gesamte Geschützlagerung hier höhenverstellbar konstruiert wurde
Bedienung
Die Bedienung eines Geschützes erfolgte in diesem Zeitalter nicht durch das Militär und war eine reine Handwerkskunst und als solche sogar mit einem eigenen Zunftwesen bedacht. Wie in jedem Handwerk gab es hier auch den richtigen Lehrweg vom Lehrling über den gesellen bis zum Meister mit allen Prüfungen und Briefen wie üblich. Das Wissen dieser Zunft war mannigfaltig und beschränkte sich nicht nur die Bedienung eines Geschützes und die entsprechende Schussabgabe. Hier wurde alles gelehrt, von der Herstellung, über den (richtigen) Transport, die Pulverherstellung und Ladungsbemessung, die Mathematik zur Zielberechnung, die Munitionsherstellung und die Beherrschung aller Schussarten, sowie sogar die Herstellung und den Betrieb von Feuerwerken.
Schussarten
In den Schussarten hat sich an sich bis ins 19. Jahrhundert hinein an und für sich nie etwas von Anfang geändert, außer das neue und verbesserte Munitionstypen hinzukamen mit der Zeit.
Im Grunde gab es diese verschiedenen Schussarten, welche jeder Geschützmeister beherrschen musste:
a) Kernschuss
Der Kernschuss war die horizontale Schussabgabe auf kürzere Distanz mit direkter Zielvorgabe hinsichtlich der Ziellinie.
b) Visierschuss
Bei längeren Distanzen musste mittels einer Überhöhung und somit durch eine gekrümmte Schussbahn das Ziel anvisiert werden. Hierzu wurde ein Visierstab mit entsprechenden Markierungen am Geschützende angebracht, wobei dieser Stab wie eine heute Kimme diente und die Mündung als Korn fungierte.
c) der hohe Schuss
Bei allen Wurfgeschützen reichte ein Visierstab zur Zielaufnahme nicht mehr aus, ebenso bei Kanonen mit großer Reichweite, wo das Ziel mit einem Bogenschuss anvisiert werden musste.
Hier erfolgte die Anvisierung mittels eines Quadranten (quasi Geodreieck im weiteren Sinne) und der richtigen Schätzung der Entfernung, welche hier dann mathematische Kenntnisse erforderte, aber auch das Zusammenspiel zwischen Größe der Pulverladung, Art und Gewicht des Geschosses und auch der Wetterverhältnisse hierzu.
Der hohe Schuss war somit verständlicher Weise die höchste Kunst im Geschützwesen. Der Gelehrte Reinhard von Solms äußerte sch daher auch entsprechend „Der Meister mag sein wahrer Meister im Umgang mit der Kanone und Büchse sein, die wahre Kunst seines Handwerks zeigt sich aber beim Umgang mit dem Mörser und hier lernt ein Meister auch niemals aus!“
d) Der Göllschuss oder auch Rikoschettschuss
In Feldschlachten kam man im Laufe der Zeit zu der Erkenntnis, das diese Schussart nicht nur Zufall, sondern gezielt einsetzbar und somit auch erlernbar ist. Hierbei sollte eine Kugel in einem entsprechenden Winkel vor der feindlichen Formation aufschlagen und dann mehrfach (mindestens 3 Mal!) abprallen und sich dann weiter bewegen. Diese Schussart, auch Abprallschuss genannt war recht schwierig und hing auch von der Geländebeschaffenheit ab, denn die Kugel durfte sich beim Schlag nicht eingraben. Sie war gerade bei den damaligen dichten Formationen verheerend in der Wirkung.
Man kann sich das ganze wie eine hüpfende Kugel vorstellen, die sich nach dem ersten Aufschlag weiter bewegt und dann mehrfach im Flug trifft – ähnlich wie ein flacher Stein, den man gezielt auf der Wasseroberfläche mehrfach tanzen lassen kann.
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